Retrograde Ausfahrt

Zur hypokritischen Rezeption von Hans-Jürgen Krahl

Helmut Reinicke

Wenn eine revolutionäre Wegstrecke ins Stocken gerät, ist die Häme die Etappe der Affirmation auf der Suche nach der akkomodierten Realität. Man ist froh, wieder im Unwahren zu sein, aus dem man auszog. Im alten Zuhause.

Dieser Tenor hat zu irgendwelchen Gedenkmöglichkeiten der sozialen Bewegungen in den 60er Jahren die großen Medien versammelt. Die einsichtig reuige Rückkehr von der Ausfahrt ist derart ein Sicherheitspflaster für den Erfolg auf dem Warenmarkt. Deshalb endet T.C. Boyles „Drop City“ nicht im utopischen Entwurf, vielmehr in der angestammten Zweisamkeit des anstrengenden Trapperlebens; – dies ist correct und verbürgt den Verkaufserfolg.

In der Rezeption von Gerd Koenen, „Der transzendental Obdachlose – Hans-Jürgen Krahl“, in der „Zeitschrift für Ideengeschichte“, Herbst 2008, mit dem Titel „Extremes Denken“, wird eben jene Rückkehr praktiziert. Der „wahre“ Krahl wird in dessen Heidegger-Lektüre entdeckt sowie – schlimmer noch – in der Jugendlyrik des Siebzehnjährigen.

„Neben Rudi Dutschke – und nach dem Attentat an dessen Stelle – verkörperte der Frankfurter SDS-Tribun und Adorno-Schüler Hans-Jürgen Krahl das eigentümliche Charisma der sich als „anti-autoritär“ deklarierenden radikalen Jugendbewegung von 1968 mit ihrer Mischung aus permanenter Aktion und esoterischer Theoriesprache. Was sagt uns aber die Figur Krahls über diese Bewegung und ihre Motivlagen? Dem wäre, auch im Lichte aktueller Diskussionen, noch einmal nachzugehen.“(Koenen)

„Rudi Dutschke etwa bildetet sich als Halbwüchsiger ein, das Kind eines Juden zu sein, den seine Mutter im Krieg versteckt habe, da er selbst sehr dunkel und beschnitten war. Aus solchen provinziellen Traumwelten kamen die führenden Köpfe der 68er-Bewegung.“(Koenen)

Der Biograph, zudem einer der historischen Analyse der anti-autoritären Bewegung, wird jenen romantischen Jugendschrei Krahls zur Kenntnis nehmen, – man kann ein ähnliches Phänomen bei Hegel notieren, Bloch, Adorno oder Marcuse; er wird aber sein Augenmerk darauf richten, wohin er geht. Und hier bleibt die Untersuchungsmethode Sartres die entscheidende: Der Frage nachzugehen, was die Menschen aus dem gemacht haben, was aus ihnen gemacht wurde. Der Autor jener Obdachlosigkeit verficht eine umgekehrte Heimfahrt; – die Logik seiner Genealogie ist die Reduktion der sozialen Bewegungen der 60er Jahre auf eine Adoleszenskrise. Diese vulgärsoziologische Manier war bereits Banner der US-Textbooks des Kalten Krieges. Mir ist hinwiederum keine Revolution bekannt, die nicht herausragend eine Jugendbewegung gewesen wäre. An der Revolution ist alles juvenil, sonst wäre sie keine.

Da es bei Krahl keine Rückkehr gab, ist die Reduktion auf Kladden des Gymnasiasten eine heuchlerische Verschrumpfung. Ebenso die insinuierte Brunft der Heideggerei. In der Tat, Hans-Jürgen war einer der ganz wenigen, die mit Heidegger adäquat umgehen konnten; er vermochte ihn auf die Kategorialität der negativen Ontologie des Kapitalverhältnisses zu hieven und dann mit einem Apercu in dessen Abgrund zu stürzen. Ich hätte mir eine längere Arbeit von Hans-Jürgen über Heidegger gewünscht, – die Ontologie ins Negative illuminiert und dann auf der Höhe der Adornoschen Sprachkritik die ontologische Anatomie exponierend.

Krahl hatte den Witz, diese gewundenen Gedankenstränge ins Kurze zu ziehen, und dies konnte ganze Nächte dauern, wie in jenem legendären Sommer 1965 und Winter 65/66 in der „Fabrik“ in der Adalbertstraße, nahe der Frankfurter Universität, in der damals David Wittenberg wohnte und Thomas Mitscherlich – ich zog im Mai 65 mit Penny ein, dann Helmut Richter. Später Angela Davis. Die Krahlsche Rhetorik bildete sich heran – vor allem auch in den Kolb-Keller-Nächten (Walter-Kolb-Studentenheim), freitags, nach den SDS-Sitzungen – wie sie sich dann in seinen Reden zeigt bis hin in die Schulungsprotokolle.

Der Autor jener Krahl-Reprise hat allerdings in seiner Negativ-Darstellung eine sehr schöne Pointe lanciert – wenngleich in denunziatorischer Absicht: Krahl als Tramp. Immerhin ist die Vagabondage, der Tramp, der Landstreicher, nicht nur bei Gorki in seinen „Universitäten“, zumal dann in seiner Arbeit mit den Drop-outs nach dem Kriegskommunismus, seiner Verbindung mit der deutschen Landstreicherbewegung um Gregor Gog – der 1929 den „1. Internationalen Vagabundenkongreß“ in Stuttgart einberuft – eine die Revolution begleitende Figuration. Für Gog war dieser Strich ein Kampfmittel gegen den Kapitalismus. Victor Serge gehört hierher, Upton Sinclair oder Joe Hill.

Von seiner Biographie her war Krahl keineswegs eingedeckt mit Phasen der Vagabondage. Er kannte weder die einschlägigen Tramp-Geschichten von Jack London, die Abenteurer des Schienenstrangs, noch hatte er das einschlägige Kapitel über diese Bewegung im „Schatz im Silbersee“ in Erinnerung und ebenso wenig die großartigen Passagen zur Armee der Tramps aus Mark Twains „Roughing it“ oder gar Travens „Die weiße Rose“ .Bei Jack London wie auch bei B. Traven waren derartige Gestalten der Revolution inkarniert. Krahls Weg war freilich gerade keine Ausfahrt dieser Art der Erkenntnisaneignung; er gewann seine theoretische Kraft erst mit dem SDS und über die beiseite geschaffte Hinterlassenschaft von Heidegger durch Marx, Hegel und die kritische Theorie.

„Wo war die Rettung? Für den 17-jährigen Krahl war es, nachdem er sich aus der Spinnwebwelt der Ludendorff-Bündler gelöst hatte und bevor ihm endlich der Marxismus als geschichtsphilosophische Morgenröte aufging, der romantische Abenddämmer einer universalen Mutter Kirche, die ökonomische Zuflucht bot.“(Koenen)

Vom zeitgenössischeren Aussteigen, Kerouac, die Beatbewegung, Ginsberg, Burroughs, war der literarische Protest zu beerben, der kämpferische Pazifismus. Dann die Hippies; aber da ging alles wieder landeinwärts. Krahl hatte wenig Vorliebe für das Landleben, ihm lag, wenigstens spirituell, die See weit näher. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Krahl im Sommer 1965. Wir behandelten in etwas poetischer Weise die sieben Meere angelegentlich einer kurzen Erzählung über meine Atlantiküberquerung als Messesteward im Frühjahr 1965, wobei Hans-Jürgen sofort dagegen aufbot: eine zweijährige Marinerzeit bei der Handelsschifffahrt im Vollzug der Kapitänslaufbahn. Alfred Schmidt, dem ich diese Geschichte damals unmittelbar erzählte und dem diese Ausfahrten überhaupt mangelten, war tief beeindruckt. Ich weniger, mit gutem Grund, wie ich dann weiteren produktiven Phantasien von Hans-Jürgen weniger aufsaß. Die Tramperei hatte darin jedenfalls keinen Platz.

Krahl war wesentlich Zugfahrer. Nicht mit dem Brett auf den Achsen der Räder, wie die Hobos vagierten. Vom Phänotypus her kleinbürgerlich, sozusagen herabgekommener Kommis, – etwas Ladenhüterisch-Thomas-Mannsches mit auswechselbaren Manschetten. Nur kurzweilig trug er einen schwarzen, runden Künstlerhut, der immerhin zu fulminanten Phantasien aufmunterte, – dahin gehört die Geschichte mit Nietzsche und dem dänischen König.

Die Produktivität des Auszugs von Rimbaud und Verlaine hätten hierhin gepasst. Dies wäre eine bündige Parallele zur metropolen Unstetigkeit Krahls gewesen. Sehr schön beschreibt noch Walter Benjamin diese Figuration – in einer Würdigung von Siegfried Krakauer – als Landstreicher im Morgengrauen der Revolution. Den Hygiene-Vorstellungen einer K(ommunistischen)-Gruppen- Mentalität dann ist dieser Strich in und durch die Exterritorialität des Kapitalismus unheimlich. Die kleinbürgerliche Kasteiung in Alltag und Organisation ließ schließlich nur noch das Nyltesthemd zu und das Selbstopfer. Die Häme dieser gescheiterten Sozialdemokraten gegenüber Andersdenkenden ist deshalb ein Legitimationsversuch des Verrats. Durch Denunziation soll der eigene Identitätsverlust, die schmähliche Rückkehr, eingeholt werden.

„Freilich verkörperte er nur in besonders ausgeprägter Form, was für diese „anti-autoritäre Protestbewegung“ im Ganzen galt: nämlich ihre anhaltende soziale Bodenlosigkeit. In dieser Hinsicht waren die endlosen „Organisationsdebatten“ ein Münchhausen-Projekt – und Krahl war der Lügenbaron dieses Unernehmens, der die Debatten in aberwitzige Theoriehöhen emportrieb.“(Koenen)

Die K-Gruppen-Hörigkeit bewies instinktiv ein autoritäres Verhältnis zu Krahl, dem Antiautoritären. Krahl war in der Tat eine Gefahr. Selbst auf der Höhe der Kapitalanalyse, nämlich der Integration der Institutionen in den Bewegungsprozeß des Kapitals selber, rekurriert Krahl nicht auf irgendwelche tendenziellen Fälle der Profitrate, sondern gerade auf den spanischen Anarchismus und zitiert als programmatisch den agitatorischen Gehalt für die unmittelbare Aktion: „Friede den Menschen , Krieg den Institutionen.“ Die K-Gruppen hingegen hatten sich selbst zu Institutionen aufrüsten wollen.

Es ist klar, dass eine derartige Rezeption vor der Sprache Krahls nicht halt machen kann. Adorno hatte ganze Legionen von braven Sprachkonservativen gegen sich. Natürlich entging ihnen die materielle Kultur dieser Sprache, deren Substrat das Kapitalverhältnis war. Wiewohl Adornos subjektive Legitimation nicht über die Warenabstraktion hinausging, verdankt sich ihre objektive Verfasstheit der mimetischen Exploration jenes Verhältnisses. Mit dem Jargon der Eigentlichkeit ist Kritik nicht möglich. Adornos Sprache ist – wie die Verlaufsform der Marxschen – zuinnerst Erkenntnisform und damit Kritik.

So wird Krahl, als verblichener Outsider, ein Rekonstrukt des verlorenen Sohnes, als wäre er je zurückgekommen zu seiner Jugendlyrik, den Feldwegen und den Holzwegen. Der Heidegger dieser Heimatlichkeit war in der Tat eine Schlüsselfigur für Krahl, – aber nicht für die Rückkehr, sondern für die Ausfahrt.

In der Heimat von Krahl gab es hinreichend Heimkehrer, auch solche, die weit weggezogen waren, wie Ernst Löhndorff. Das hätte so recht in die Bodenbrunft eines Heimkehrers Krahl gepasst. Meines Wissens hat Krahl den Hardliner Ernst Löhndorff nicht gekannt. Wiewohl eben dieser ein Wegweiser gewesen wäre zur Ausfahrt und zur Heimkehr gleichermaßen. Immerhin wurde Ernst Löhndorff zum Mitglied der Reichsschrifttumskammer vorgeschlagen. Aber, wie gesagt, Hans-Jürgen kannte Ernst Löhndorff nicht, was wiederum nahegelegen hätte in Heide und Blut und Boden, und gerade wegen dessen ideologischer Nähe zur Heideggerschen Seinsmetaphysik, – überdies hätte „Satan Ozean“ eine prächtige Allianz bieten können zu Krahls amor intellectualis zum Maritimen. Die Demaskierung des ontologischen Fundamentalismus war eine Sache, die Hans-Jürgen zum Marxismus führte und umgekehrt. Das sperrte auch gegen dieses falsche Heimatliche, in das sich wiederum viele einfühlten, welche die Ausfahrten nicht aushielten. Krahl war ein verlorener Sohn angesichts seiner Geschichte. Das veranlasst freilich nicht, eine posthume Feier der Rückkehr zu inszenieren. Krahl blieb bei der Ausfahrt.

Das Schmähliche am verlorenen Sohn ist dessen Rückkehr. Krahl war ausgezogen das Fürchten zu lernen, das belegt seine große Rede vor Gericht, und dabei blieb er. Gründlinge gab es überall, die einem das lehrten. Die hinterlassenen Fragmente stecken voll davon. Er wusste, wo er hinwollte, wiewohl nur der Weg irgend begrifflich zu fassen war.