Gurs 1941

Geschichten von der Gegenrichtung des Uhrzeigers

Ulrich Sonnemann



Barackenlager Gurs

Die Geschichte, die ich erzählen will, da sie mich vor ihrer Alternative rettete, die mit tödlicher Gewißheit die Verschleppung nach Polen gewesen wäre, wird demnächst vierzig Jahre alt. Von sieben überschrittenen Grenzen, über die sich mein Exodus aus der Festung Europa vollzog, geht es ihr nur um eine.

Und diese eine ist noch nicht einmal auf irgendeiner Landkarte zu entdecken; obwohl es gerade doch, das ist daran das Merkwürdige, die politische Geographie war, was das Motiv der Geschichte stellt. Sie widerfuhr mir in Frankreich, wohin ich, der zuletzt in Brüssel gelebt hatte, mit vielen Tausenden von Emigranten in Güterwaggons verbracht worden war, als im Mai 1940 Hitlers Westoffensive begann, seine Armeen sich näherten. Zunächst war das die Rettung vor ihnen: nach der französischen Kapitulation beließ es uns in den Lagern der noch unbesetzten Teile Südfrankreichs, über mehrere Zwischenlager, erst im Poitou, dann ein halbes Jahr lang, man durfte sogar baden, am Mittelmeer, waren wir im Spätherbst in eine Barackenstadt der mittleren Pyrenäen verbracht worden, die total ungeheizt war.
Die Szene ist Gurs, Department Basses-Pyrenees, nicht weit von Pau; über dreitausend Zivilinternierte , Frauen und Männer, zum überwiegenden Teil sogenannt rassisch Verfolgte. Aber es gab auch Fahnenflüchtige der deutschen Armee, wie einen Angehörigen der berühmten Zirkusfamilie Wallenda, der untröstlich sich um seinen Seelöwen ängstigte, er hatte ihn, von der Straße weg verhaftet, in einer Brüsseler Hotelbadewanne zurücklassen müssen. Viel effektiver, ich kann es bezeugen, als die Lagerärzte der Infirmerien heilte er Streptokokkeninfektionen buchstäblich über Nacht mit Zitronensaft, ebenso erfolgreich haben wir ihn später in unserer Baracke versteckt, als eine deutsche Offiziersdelegation, die nach Deserteuren fahndete, in die Läger kam. Die Gurser Landschaft ist schön, Ernährung und hygienische Verhältnisse schrecklich, die Todesrate enorm. Wenn man morgens aus der Baracke tritt und den Blick hebt, der von der plötzlichen Helle geblendet ist, wird er nur dann, wie er möchte, auf die schon weiß schimmernde Hauptkette des Gebirges fallen, wenn er zuvor auf die eigenen Füße geachtet hat, daß sie den schmalen Plankensteg nicht verfehlen. Sonst stecken sie schon im Morast, bis über die Knie: Gurs, das erleichtert seine Isolierung gegen die Dorfbevölkerung der benachbarten Täler, ist Rest eines Hochmoors. Aller Verkehr zwischen den Baracken vollzieht sich über diese wackeligen Laufplanken, und vorausgesetzt, man hat einen Passierschein, gilt das weitgehend auch für den zwischen den stacheldrahtumzäunten Inselchen, den IlSts, zu denen außer nach Geschlechtern die Baracken auch nach Herkunftsgruppen geordnet sind. In einem dieser Ilöts, erfahre ich Mitte März 1941, haust der Dichter des Glühenden, des Sfaira und des Thron der Zeit Alfred Mombert: 69-jährig, krank, aus der Ruhe seines Heidelberger Hauses gerissen, in diese Sümpfe verschleppt.
Es ist schwierig, nach der geltenden Lagerordnung, von Hots J nach Hots D zu gelangen, aber es glückt. Auf den Besuch komme ich bald, einiges Wenige ist zum Verständnis der Entscheidung, die er beschleunigt, vorauszuschicken. Den Passierschein gibt ein Leutnant Guyot aus, der sich nicht allein in dieser Einöde langweilt, sondern zu den Verhältnissen, die ihn uns bewachen lassen, soviel kritischen Abstand gewonnen hat, daß er manchmal abends zum Schach kommt. Andere seiner Kameraden, die zunehmend ebenfalls kommen, ziehen Bridge und Belotte vor, wieder andere, die er darin bestärkt, die improvisierten Veranstaltungen der in unserem Il8ts organisierten Kulturbaracke, aber die ganze Gruppe von Offizieren, in der er mit zwei anderen das Sagen hat, sabotiert die rigiden Anordnungen des Kommandanten, eines petainistischen Martinets.

Umso korrekter, was der Geschehnisse wegen dann von einschneidender Wichtigkeit für mich werden wird, hat diese Gruppe keimender Macqui-sards die Interessen der Internierten geschützt, unter ihnen kleine Differenzen geschlichtet, größeren vorgebeugt. Es gab zwischen Gefangenen, in denen sich gerade in meiner Baracke reiche Geschäftsleute und Industrielle befanden, die zum Teil sehr erhebliche, in Säckchen eingenähte Dollarbeträge unter dem Hemd trugen, oft auch untereinander um Geld spielten, riesige Unterschiede der Liquidität, wenn auch einiges davon der inter nationalen Umstände wegen etwas Zufälliges und Verzerrtes hatte. Mit der Etablierung ambulanter Zusatzküchen durch Internierte, denen Kontakte mit den umliegenden Dörfern gelungen waren, führte das zu einer Ungleichheit der Versorgungslage in den Baracken, die die Offiziersgruppe auf den Plan rief. Als Gegenmittel schlug sie eine Verbrauchssteuer auf solche Käufe vor, deren Ertrag diese Ungleichheit kompensieren sollte. Es klappte nicht, war undurchführbar, stärkte unter den Internierten aber das Gefühl, daß man sich auf die se Gruppe verlassen konnte.

Da ich mit Guyot Schach spielte, öfters mit ihm Gespräche hatte, teilte ich diese Empfindung erst recht. Aber meine eigenen Mittel waren zu Ende, Geldsendungen von meinem Konto in Belgien unmöglich, Kredite, die ich in der Schweiz gehabt hatte, erschöpft, begrenzte Möglichkeiten, die in den USA lagen, für das Affidavit und die Schiffskarte zu reservieren darüber hinaus unverfügbar: zweifelhaft war schon, ob sie für die genannten Verwendungen reichen würden. In diesem März, kurz bevor ich Mombert besuchte, erreichte mich dann die Nachricht aus den USA, daß ein Nonquota-Immigrationsvisum – Publikationen in der Schweiz hatten mich auf die Liste der spezieller Gefährdeten setzen lassen – für mich bewilligt war, das schon hinüber gelangte Freunde im Verein mit meiner Schwester beantragt hatten. Davon Gebrauch machen hieß indessen – und woher hätte ich die Mittel beschaffen sollen, die Kreditgeber waren selbst knapp – daß ich meine Verlegung in das Auswandererlager von Les Milles zwischen Aix und Marseille betrieb, in Marseille mich, wahrscheinlich wochenlang, um die Unzahl der erforderlichen Papiere bemühte, schließlich noch die Reise nach dem spanischen Hafen bezahlen konnte, von dem aus die Passage Mitte 1941 noch möglich war. Das alles war unmöglich; und nicht weniger unmöglich schien eine bestechende, abenteuerliche Idee zu sein, es doch möglich zu machen, die mir in diesen Tagen gekommen war.
Erst Mombert überzeugte mich, daß sie Aussichten hatte: das Projekt, das da vorschwebte, nicht so fantastisch war, wie es heute noch im Rückblick erscheint. Jedenfalls habe ich es ihm zu danken, daß ich es noch am selben Abend, zurück in meiner Baracke, in Angriff nahm, indem ich gleich hinüber zu Gerson ging.
Gerson war der Reichste in der Vierergruppe, die der Rest von uns die Bankiers nannte. Nicht nur konnte er sich nach allem, was man über ihn wußte, seine Spielerleidenschaft wirklich leisten, er bot auch gewohnheitsmäßig bei differierenden Voraussagen Wetten an; aber obwohl die Bedingungen, die er dabei vorschlug, in ihrer vorteilhaften Ungleichheit für den erhofften Kontrahenten verlockend schienen, stieß er kaum je auf Abnehmer. Zu evident, um dagegen zu halten, waren seine eigenen Voraussagen, auf die er solche Wetten bot, das schlicht Einleuchtende, nur hatte dieser Plausibilitätssinn des welterfahrenen Mannes eine schwache Stelle: drei Abende vorher hatte ich sie in einer Unterhaltung mit ihm wahrgenommen, es bloß selber nicht glauben wollen.

Aber ich eile voraus. Die Wette, die ich ihn dazu brachte mir anzubieten und deren Gewinn mich gerettet hat, kann nicht ohne die Dinge verständlich werden, die bei Mombert zur Sprache kamen. Mit einiger Sorge bin ich an jenem Märztag, ich meine jetzt nicht die längst chronische Finanzsorge, zu ihm aufgebrochen, nach Erfahrung und Urteil war mein Verhältnis zu seiner Dichtung nicht so widerstandslos wie ihre Hermetik zu fordern schien. Was für ein Anspruch auf Absolutheit in ihr lag, ein Mombertianer war ich nicht, wenn auch beeindruckt: oft hatte ich in seinen Werken mehr Beschwörung gesehen als das Beschworene auftreten hören, oft ein sinnliches Gelingen des Wechsels der Töne vermißt, der doch ihr Bauprinzip sein sollte. Das beständig Ekstatische dieses hymnischen Gesangs schien oft fremd, ja es war dann, als habe Terpsichore eine ziemlich unnachsichtige Dauerumarmung zu dulden, an der sie ersticken konnte. Und dann hatte es andere Stunden gegeben, zu denen ich diese Dichtung ganz anders hörte, die Eigenart ihrer Bilder gegen die Bildungsrequisiten, die sich in ihr häuften, sich durchsetzte: ihr prophetischer Zug alles das an ihr durchdrang und verwandelte, was zuvor bloßer Schwall schien.

Mombert

Dieser Widerstreit der Vorgefühle wurde durch die persönliche Erscheinung Momberts nicht entschieden, sondern schlicht aus dem Weg geräumt. Von seiner Dichtung, wenn es ihn auch freute, daß ihn einer besuchte, der zu wissen schien, wer er war, war gar nicht die Rede.

Anders als sein Antipode George hatte er nichts Feierliches, Huldigungen Heischendes, sondern war leger, freundlich gesprächig, in der Art zu reden von einem federnden, mit Understatements gespickten Humor, den ich von einem deutschen Hymniker nicht erwartet hatte. Der beherrschende Eindruck war der großer menschlicher Wärme und einer solchen Freiheit des Urteils, daß ich mir vornahm, seine Prosa zu lesen, die ich nicht kannte. Mitten in der Gurser Misere, und obwohl man ihm sein Leiden ansah, an dem er ein Jahr später bei seinen Winterthurer Freunden gestorben ist, fand ich ihn zu meinem Erstaunen vergnügt, ja von einer euphorischen Zuversicht. Er erklärte sie selber aus einer allgemeinen und einer besonderen Ursache, letztere war die schon greifbare Aussicht, die sich schon vom nächsten Monat an dann verwirklicht hat, durch die Bemühungen seines mäzenarischen Freundes Hans Reinhart entlassen zu werden und in die Schweiz einreisen zu dürfen; erstere eine Schutzschicht seines Wesens, mit der der Geist selbst ihn gegen die Unbilden einer Weltgeschichte versehen habe, die des Geistes eigenes Werk sei. Dieser Anspruch auf geistige Alldurchdringung war mir aus seiner Dichtung, die eine Geschichtsphilosophie beherbergt, vertraut, andererseits merkte er schnell, wie sehr das mein eigenes Thema war, wollte dann auch mehr über meine Umstände wissen, das Gespräch war sehr lebhaft. Zur Sternstunde wurde es, als ein folgenreicher Consens sich herausschälte, daß die Vernunft eher auf eine Erweiterung ihrer szientifisch eingeengten Erfahrungsbasis verwiesen sei, als sie nach Hegelschem Muster noch von einer Ausdehnung ihres eigenen Begriffes Gewinn habe. Wenn sie ihre Ausgrenzung gegen das reiche Leben der Sinne, den schönen Überfluß der Fantasie, widerrufe, könne das auf Räumliches, Optisches nur nicht länger beschränkt bleiben: die Zeit selbst, sagte Mombert, Geschichte, sei unverkennbar in ihren Ordnungen dichterisch: so der Sinnlichkeit zugänglich, daß die Vernunft sie wohl durchdringen könne, mit der Furchtlosigkeit, die sie dafür brauche, aber erst dann, wenn sie ihr eigenes Sinnliches, Dichterisches nicht mehr verleugne.
Diese Bemerkung gab mir das Stichwort. Ich teilte ihm eine Wahrnehmung mit, die ich in der Muße des Lagerlebens an der sinnlich greifbaren Bewegungsfigur des expandierenden Nazireiches gemacht, bisher verschwiegen hatte; und auf die, wie mir schien, eine Voraussage über die Aggression, die als nächste fällig war, und über ihren Zeitpunkt, ziemlich präzise zu gründen war.
Was ich entdeckt hatte, war etwas sehr Einfaches. Hitlers Reich schlug nicht nur um sich, sondern dieses Umsich-Schlagen, das gar nicht wörtlich genug zu verstehen war, war doch nicht regellos, es folgte im geographischen Raum einer einheitlichen planimetrischen Richtung: der gegen den Uhrzeiger. Von Wien im März 1938 über Prag ein Jahr später, Warschau‘ noch im September des gleichen, Dänemark und Norwegen im nächsten April und die große Westoffensive gegen Frankreich und die Beneluxlän-der wenige Wochen danach war das nicht allein eine klare Kreisbewegung – gegen den Uhrzeiger; eben als Bewegung, raumzeitliche Einheit, konnte sie nur angemessen erfaßt werden, wenn man ihrer Beschleunigung Rechnung trug, der sie in offenbar ebenso strenger, unbewußter Stetigkeit unterworfen war wie der Anziehungskraft fremden Raumes. Für die Voraussagbarkeit der Aggressionen ergab das als perfektionierendes Merkmal, daß ihre Zeitabstände sich beM ständig verkürzten – nicht alles das jeweils nächste Ziel der Bewegung auf der Landkarte Europas bestimmbar war. Daß sie keineswegs mit der Westoffensive an ihrem Ende war, zeigte sich jetzt schon, mit dem deutschen Eingriff in Libyen – Rommels beginnender Offensive, die seit dem vorigen Monat im Rollen war – hatte diese unverkennbare Kreisbewegung – zur Spirale geworden – abermals den Süden erreicht, ihre nächste Station, unmittelbar bevorstehend, mußte der Südosten sein, Jugoslawien und Griechenland; woraufhin sie, gleich danach, in den Osten wieder zurücklaufen mußte: diesmal jenseits von Polen – was hieß, daß sich die Spirale vollendete.

Mombert fand das sehr hörenswert; und mit den Fakten der Zeitgeschichte in nicht zu bestreitender Übereinstimmung. Auch daß die Spiralbewegung, die ja selber kaum Absicht der Nazis, sondern Resultat ihrer Blindheit sei, im Gegensinn des Uhrzeigers sich vollziehe, gebe zu denken: der stille Witz dabei sei, daß gegen eine Dämonie, die sich das Sonnenrad unter den Nagel gerissen und es wie alles dabei verfälscht, nämlich verdreht habe, die Wahrheit des alten Swastika aufstehe, der sich nämlich nach links drehe.
Er verabschiedete mich mit viel Herzlichkeit; das Placet für mein Projekt, das er in meiner Situation äußerst einleuchtend fand, war erteilt. Auf dem Weg zurück ins ISts überdachte ich die Abschätzung des in Frage stehenden Datums für Hitlers Einfall in Rußland genauer. Es war inzwischen Ende März, der Südostfeldzug stand selbst noch bevor, wenn auch nach den Nachrichten, die uns erreichten, seine Vorzeichen sich täglich verdichteten. Aber wenn Hitler noch vor dem Winter in Moskau sein wollte, mußte er auf alle Fälle noch in der ersten Jahreshälfte auch damit beginnen.

Noch am gleichen Abend verwickelte ich Gerson in ein Gespräch über die weltpolitische Lage. Er fand die Möglichkeit eines Bruches des Stalin-Ribbentropp-Paktes auf die Dauer nicht abwägig, nur für das laufende Jahr, vor dem 1. Juli gar, vollständig lachhaft. Dem entsprach die Wette, die er wie erwartet mir antrug: 800 Dollar – damalige – gegen einen. Guyot protokollierte. Wir unterschrieben vor drei Zeugen, Kameraden von ihm, im Licht -anderes gab es nicht – dreier Kerzen. Es wurde ein sehr würdiger Abschluß; blieb auf Wochen Barackenthema.
Am Nachmittag des 22. Juni hatte ich 800 Dollar; keine Sekunde zögerte Gerson, zu zahlen, seine Gratulation selbst klang aufrichtig. Da das Ereignis die Gewißheit samt ihrer Konsequenzen für die Verfolgten bedeutete, daß Hitler seinen Krieg schließlich verlieren werde, hatte das seinen guten Grund. Ich reklamierte dann erst mein Visum beim amerikanischen Generalkonsulat in Marseille, der Bescheid lag dort seit Wochen, war nur in dem Andrang von tausep’ten von Visumsangelegenheiten verzögert worden, aber der bestätigende Brief, den ich für die Entlassung aus dem Lager, die mit ihr verbundene Verlegung nach Les Mi lies brauchte, kam zu meiner Freude nun postwendend. Danach ging alles sehr schnell. Einmal aus Gurs heraus entdeckte ich auch ein Komitee, das beschleunigend bei der Beschaffung der meisten Papiere half, die für die Reise benötigt waren. Noch in den letzten Junitagen war ich in Les Milles, schon in der dritten Juliwoche in Spanien, am 12. September lief die Navemar nach mehrfach unterbrochenener Überfahrt in New York ein.

Noch vor Jahresende waren die USA im Krieg. Der amerikanischen Landung in Nordafrika folg–te sofort die deutsche Besetzung des noch ungesetzt gebliebenen Teiles von Frankreich. Soweit die in den Lägern Zurückgebliebenen nicht entkamen und in der französischen Bevölkerung untertauchten – die in zahlreichen Fällen, von denen ich später hörte, ihnen dabei sehr behilflich war – wurden sie im Herbst 1942 von den Deutschen nach Polen geschafft. Es waren meistens, außer den Kranken, die vollkommen Mittellosen. Das Schicksal, das sie im Osten erwartet hat, ist notorisch, in einem Fall, wo mir der Betreffende nahestand, würde es von dessen Witwe, als ich sie 1955 in Aachen besuchte, bestätigt. Von Gerson habe ich naheliegende Gründe, zu vermuten, daß er sich retten konnte. Soweit die Geschichte, die hier zu Ende ist, sich nicht selbst kommentiert, ist mir heute zweierlei an ihr auffällig:
Erstens, die Grenze, die ich an einem entscheidenden Punkt, in ihr hinter, mir lasse, wurde anders als die anderen sechs gar nicht überschritten, sondern durfte sich auflösen: eine Entgrenzung des erkennenden Ich ist in dem im Spiel, was von Alfred Mombert ermutigt wurde.
Zweitens und komplementär dazu, denn im Grunde ist die Einsicht, die in beiden sich ausdrückt; die gleiche: die Entdeckung, der ich die gewonnene Wette, mit ihr mein prekäres, gerade noch rechtzeitiges Entkommen verdanke, war eine Frucht reiner Betrachtung. Zu griechisch, theoria. Man darf dieses Wort nur nicht so eng und so sterilisiert hören, wie unser Wissenschaftsbetrieb es begreift.-Er begreift damit immer weniger; am wenigsten sich selbst und die Verkümmerung des erkennenden Auges und Ohrs, der er Vorschub leistet. Aber diese Klärung vorausgeschickt, hat meine Geschichte von damals, ihr schließlicher Sinn, etwas Unmißverständliches: Theorie ist in jener Lage nicht nur praktisch gewesen, sondern das einzig Praktische.
Freilich bedeutet die Klärung auch, daß man Theorie nicht nach Belieben in Gang setzt. Sie ereignet sich oder läßt es bleiben. Ich hatte Glück.

Ulrich Sonnemann

Ulrich Sonnemann * 3. Februar 1912 in Berlin ; † 27. März 1993 in Obervorschütz bei Gudensberg. Sein philosophisches Hauptwerk ist die 1969 erschienene Negative Anthropologie.

Sonnemanns letztes Projekt waren Studien zu einer Transzendentalen Akustik. Er versuchte das bewegt-bewegende Ineinander von Zeitläufen und -epochen gegenüber den Formen einer verräumlichten Vorstellung von Zeit zur Geltung zu bringen.