Schwarzbuch der Psychoanalyse

Hans Füchtner

Meyer, C. (Hg.) (2005): Le livre noir de la psychanalyse. Paris: Edit. les Aränes. 831 S.

Spinnen die Gallier?

„Schwarzbuch der Psychoanalyse“. Ein erstaunlicher Titel. Schwarzbuch, da denkt doch jeder gleich, daß eine Ideologie oder ideologisch verbrämte gesellschaftliche Praxis und die Mißstände, die sie verursachen, angeprangert werden, daß Verbrechen aufgedeckt werden und unzählige Opfer beklagt werden. Das kann doch wohl kaum ernstlich gemeint sein. Schließlich ist das Buch ja ein nicht schwarzes, sondern weißes und bunt bedrucktes Paperback mit dem Untertitel „Besser leben, denken und sich wohler fühlen ohne Freud“. Aber um es vorweg zu sagen, wer sich durch die 831 Seiten des Schwarzbuches hindurchkämpft, erlebt sein blaues Wunder. Es ist eine einzige große Anklage gegen Freud und die Psychoanalyse. Es enthält Beiträge von 40 Autoren 10 verschiedener Länder in denen Freud in einer Weise charakterisiert wird, wie man sie seit Nazizeiten nicht mehr erlebt hat. Und Psychoanalyse wird nicht nur als unwirksame Psychotherapie und Afterwissenschaft denunziert, sondern auch als eine unterdrückerische Ideologie, die Tausende von Menschen das Leben gekostet hat. Da mir das bei der Lektüre des Vorwortes der Herausgeberin Catherine Meyer noch nicht klar war, war mir zuerst noch zum Scherzen zumute. Ihre Argumentation klingt nach Asterix-Comics. Nur daß diesmal nicht die Römer spinnen, sondern die Gallier: Die ganze Welt hat bereits eingesehen, daß die Psychoanalyse keine Wissenschaft und schädlich ist. Die ganze Welt? Nein, abgesehen von dem kleinen Argentinien weit weg in Südamerika, gibt es im Westen Europas noch immer ein Land, das an der Psychoanalyse fest hält: Frankreich. Es gilt also, die Franzosen aus der ideologischen Knechtschaft der Psychoanalyse zu befreien und die Macht des unheilvollen Betrügers Freud und seiner korrupten Gefolgsleute zu brechen.

Mit dieser Absicht preist Meyer die von ihr gesammelten Beiträge an. Im Stil von Autowerbung formuliert sie die Qualitäten ihrer Autoren in Superlativen und verkauft Quantität als Qualität: „Es ist mir gelungen die besten Freud-Experten zu gewinnen, die seit mehreren Jahrzehnten die Texte des Vaters der Psychoanalyse studieren und die in den ungefähr 6226 Seiten, die dieses kolossale Werk umfaßt, die zahlreichen Unstimmigkeiten und Stellen aufgedeckt haben, wo Freud seine Wünsche mit Realität verwechselt hat.“ Zwei ihrer Autoren, Albert Ellis und Aaron Beck, rechnet sie zu den großen Figuren, die in ausländischen Universitäten am meisten gelesen werden und in den großen internationalen Publikationen am häufigsten, aber in Frankreich eben am wenigsten zitiert werden. Schließlich wird dem Leser nicht nur versprochen, die Lektüre der Textsammlung werde ihn intellektuell aus den Fängen der ‚ Psychoanalyse befreien, sondern ihm auch helfen, sich selbst klarer zu sehen. Der Untertitel dieses Schwarzbuches klingt nach Lebenshilfeliteratur. Und‘ tatsächlich soll dem Leser gezeigt werden „wie wir durch unsere Vergangenheit bestimmt sind, wie wir unsere Kinder erziehen sollten, wie wir mit den Verletzungen des Lebens und den Ungerechtigkeiten menschlicher Existenz fertig werden können“ und ob man nicht „ohne Psychoanalyse besser leben, denken und sich wohler fühlen kann.“ Dazu soll nicht nur Kritik der Psychoanalyse sondern auch „die wissenschaftliche Psychologie“ verhelfen, die im letzten Kapitel mit dem Titel „Es gibt ein Leben nach Freud“ vorgestellt wird.

Dem Vorwort folgt eine kurze Vorstellung der Autoren der Beiträge. Einige davon sind notorisch bekannte Psychoanalysegegner wie Mikkel Borch-Jacobsen, Frederick Crews, Han Israels und Frank Cioffi. Die meisten Autoren sind Psychiater. Auch zwei ehemalige Psychoanalytiker sind vertreten. Neben Borch-Jacobsen und dem ehemaligen Psychoanalytiker van Rillaer sind der Lyoner Psychiater Jean Cottraux und der Psychologe Didier Pleux die Autoren, die der Absicht der Herausgeberin entsprechend für den Band tonangebend waren. Bei ein paar Autoren hat man ungeachtet der Tatsache, daß sie die Psychoanalyse gelegentlich scharf kritisiert haben, den Eindruck, daß sie eigentlich nicht h so schlechte Gesellschaft passen. Denn was in diesem Sammelband mit dem Anspruch von Wissenschaftlichkeit und dem Gestus der Befreiung von Freudschen Irrlehren an Behauptungen aufgestellt wird, ist, wie meine Zusammenfassung belegt, für eine Veröffentlichung, die ernst genommen werden will, erstaunlich.

Das Hauptziel der Angriffe ist Freud. Wer Freud genau liest, weiß schon seit fünfzig Jahren, daß die Psychoanalyse kein seriöses Unternehmen ist (S.4*). Freud wollte eine Entdeckung machen. Er hat deswegen versucht Kokain zu benützen, um sich von seiner Morphiummanie zu befreien. Er hatte in einer amerikanischen Zeitschrift gelesen, daß dies möglich sei. An Ernst von Fleischl-Marxow, einem Kollegen und Freund, der nach einer schmerzhaften Operation Morphinist geworden war, versuchte er sein Experiment durchzuführen. Obwohl Fleischl dadurch kokainsüchtig geworden ist und ein schreckliches Ende fand, hat Freud behauptet, Morphinsucht ließe sich durch Kokain heilen (S.69). Man kann ihn also einen Schwindler nennen (S.70). Freud hat systematisch Fakten manipulierte (S. 104). Er tat es allerdings nicht gern. Freud verabscheute es zu lügen, aber es war unbedingt notwendig daß er es tat, um seinen Weg in der Welt zu gehen (S. 44). Wenn therapeutischer Erfolg das Kriterium Freuds für die Beurteilung der Richtigkeit seiner Theorien gewesen wäre, hätte er kein einziges Buch schreiben können (S. 386). Die Zeitgenossen von Freud haben es richtig gesehen. Freud hat einen Literaturpreis bekommen: den Goethepreis, den er wirklich verdient hat, angesichts seines Beitrags zu fiktiven Weltliteraturen (S. 92). Er hat ja oft gelogen (S.306ff.).

Sigmund Freud war vielleicht ein großer Mann, aber er war deswegen noch keineswegs ein ebenso ehrenwerter Mann (S. 306). Da ist es nicht weiter erstaunlich, daß auch so mancher seiner Gefolgsleute gelogen und betrogen hat. Jedenfalls war Hermine Hug Helmuth nicht die einzige, die nicht zögerte für die gute Sache die Öffentlichkeit bewußt zu betrügen (S.124). Dem „Betrüger Bettelheim“ ist ein ganzes Kapitel gewidmet (S.533 ff.). Das braucht niemand zu wundern, denn die Wahrheit ist, daß die psychoanalytische Bewegung insgesamt eine der korruptesten Bewegungen von Intellektuellen der Geschichte ist (S.44). Und da die Psychoanalyse eine Theorie der Unaufrichtigkeit ist, kann sie nur eine Pseudowissenschaft sein (S.304) und es läßt sich nicht leugnen, daß sie alle Eigenschaften einer Religion hat (S. 64). Die Psychoanalytiker kümmern sich als Akrobaten des Denkens nicht einmal um die offensichtlichsten Widerlegungen, die ihnen entgegengehalten werden. Sie ziehen aus ihrem Hut immer wieder ein neues Kaninchen, um die Irrtümer Freuds zu rechtfertigen. Diese Unaufrichtigkeit ist das Symptom eines Zynismus, der bereit ist, alles zu rechtfertigen, selbst das, was sich nicht rechtfertigen läßt, um „die Sache“ zu schützen (S.305).

Dementsprechend gibt es die Psychoanalyse eigentlich gar nicht. Die psychoanalytische Theorie ist völlig leer. Sie ist ein nebulöses Gebilde, ein Zielpunkt, der sich dauernd bewegt (S.179 ff.). Soweit an der Psychoanalyse etwas interessant ist, ist es nicht neu (S. 237). Wenn man die methodische Verifizierung der Freudschen Theorien bilanziert, stellt man fest, daß alle Äußerungen, die bestätigt wurden, schon vor Freud veröffentlicht worden sind. Wohingegen die spezifisch freudschen Thesen im allgemeinen widerlegt worden sind (S. 422). Das einzige was in der psychoanalytischen Theorie konstant ist, ist die Behauptung der Existenz eines Unbewußten und das wird nur durch Übersetzungen zugänglich (S. 180). Das verleiht den Analytikern als Übersetzern eine quasi religiöse Überlegenheit: Die Psychoanalyse ist die Wahrheit, das Leben und der Weg: und ich, der Analytiker, bin der Herr dieses Weges. So erklärt sich auch, warum es besonders in Frankreich und Südamerika noch so viele Psychoanalytiker gibt. Es sind die Länder in denen der katholische Glauben noch besonders stark ist. Die Vorstellung von Heilung als Gnade ist da nichts Ungewöhnliches (S. 339). Freud und seine Nachfolger haben behauptet, sie würden auf das Unbewußte ihrer Patienten hören, aber in Wirklichkeit haben sie es zum Sprechen gebracht, wie Andere Geister sprechen lassen. Die Psychoanalyse ist unser Spiritismus (S. 388).

Aber was ist die Psychoanalyse in der Praxis eigentlich? Die freudsche Kur ist ein wesentlich intellektuelles Unterfangen: der Analysand spricht, der | Psychoanalytiker hört und interpretiert. Das Verstehen des Verdrängten soll heilen (S. 728). Der freudianische Analytiker bedient sich im wesentlich dreier Aktivitäten: a) er hört im Zustand gleichschwebender Aufmerksamkeit zu, d. h. ohne sich anzustrengen aufmerksam zu sein, b) er produziert regelmäßig mhms, damit der Klient sicher ist, daß er gehört wird und damit er interessiert ist, weiter frei zu assoziieren … über freudsche Themen, c) er gibt von Zeit zu Zeit Interpretationen, manchmal verständliche, manchmal rätselhafte. Die psychoanalytische Entzifferung des Unbewußten ist einfach. Jeder der das Gymnasium beendet und einige Bücher über Psychoanalyse gelesen hat, kann das (S.209). Nur ein Beispiel: Paul ohrfeigt seinen Nachbarn. Das läßt sich mit dem Aggressionstrieb mühelos erklären (S.736). Und wenn der Klient unerwünschte Fragen stellt, genügt es, sie ihm zurückzugeben: Warum stellen sie diese Frage? An was erinnert sie das? etc.. Kritiken und Widerspruch*; werden als Widerstände, Verleugnungen oder Äußerungen negativer Übertragung interpretiert. Sie stellen nie den Analytiker in Frage. Der kann behaupten, was er will. Ohnehin behauptet jede psychoanalytische Schule wieder etwas anderes (S. 181). In neurer Zeit haben die Psychoanalytiker auch eine andere Möglichkeit gefunden, sich unliebsamen Einwänden ihre Klientel zu entziehen. Der bevorzugte Gegenstand der heutigen psychoanalytischen Forschung ist der Säugling, weil der nicht sprechen und den analytischen Konstruktionen nicht widersprechen kann (S.177).

Für die Beliebtheit der Psychoanalyse gibt es mehrere Erklärungen. Sie gewinnt deswegen immer so viele Patienten und Verbündete, weil sie allen Klienteln das sagt, was sie hören wollen und weil sie so jedesmal ein kleines therapeutisches Universum schafft in dem das Angebot genau der Nachfrage entspricht (S.183).
Es gibt allerdings noch einen anderen Grund. Der Erfolg der Psychoanalyse in der Öffentlichkeit verdankt sich nicht irgendeiner therapeutischen oder theoretischen Überlegenheit, weit gefehlt, sondern der spezifischen Art dar
institutionellen Organisation die sie angenommen hat und der daraus resultierenden Suggestivwirkung auf die weite Öffentlichkeit (S. 175). Und da viele Psychoanalytiker viel mehr an Macht und Geld interessiert sind, als an der
Untersuchung der Interaktionen im Verlauf ihrer langen und teuren Analysen (S.399), haben sie in der Gesellschaft eine beherrschende Stellung erreicht.
Schon Freud war der Psychotherapeut einiger der reichsten Frauen der Welt (S.130). Und heutzutage beeinflußt die organisierte Psychoanalyse über eine Pressure-Group sowohl die Gesundheitspolitik als auch die Kulturpolitik. Auf diese Weise setzt sie schamlos ihr Einheitsdenken auf allen Ebenen der Gesellschaft durch (S. 195). Der intellektuelle Terrorismus der Psychoanalytiker, der dem von Ayatollahs in nichts nachsteht (S. 297), hat schon zum Tod von Tausenden von Drogenabhängigen beigetragen (S. 616), denn die Befürworter von Drogensubstitutionsprogrammen konnten sich gegen den ideologischen Imperialismus der Psychoanalyse (S. 637) nicht durchsetzen. ‚

Das gilt für die meisten Autoren des letzten Kapitels vor allem hinsichtlich eines Entfernens in Richtung der verhaltenstherapeutisch-kognitiven Therapien. Diese werden gerade von psychoanalytischer Seite oft völlig zu unrecht kritisiert. Im dem Aggressionstrieb mühelos erklären (S.736). Und wenn der Klient unerwünschte Fragen stellt, genügt es, sie ihm zurückzugeben: Warum stellen sie diese Frage? An was erinnert sie das? etc.. Kritiken und Widerspruch*; werden als Widerstände, Verleugnungen oder Äußerungen negativer Übertragung interpretiert. Sie stellen nie den Analytiker in Frage. Der kann behaupten, was er will. Ohnehin behauptet jede psychoanalytische Schule wieder etwas anderes (S. 181). In neurer Zeit haben die Psychoanalytiker auch eine andere Möglichkeit gefunden, sich unliebsamen Einwänden ihre Klientel zu entziehen. Der bevorzugte Gegenstand der heutigen psychoanalytischen Forschung ist der Säugling, weil der nicht sprechen und den analytischen Konstruktionen nicht widersprechen kann (S.177).

Soweit psychoanalytische Therapien heilen können, beweist das nichts, weil sich
die psychoanalytische Theorien nicht falsifizieren lassen, genauso wenig wie die Wunderheilungen von Lourdes die Doktrin von der unbefleckten Empfängnis bestätigen oder widerlegen können (S. 323). Was Sexualtherapie anbelangt, hat sich die Psychoanalyse nachweislich als ungeeignet erwiesen (S.777). Freud sah in der Masturbation eine gefährliche Krankheit (S. 785). Und allgemeiner: Viele ehemalige Psychoanalytiker haben die Erfahrung gemacht: je weiter sie sich von der freudschen, lacanianischen, jungianischen oder adlerianischen Orthodoxie entfernen, desto mehr therapeutische Erfolge haben sie (S. 779).

Das gilt für die meisten Autoren des letzten Kapitels vor allem hinsichtlich eines Entfernens in Richtung der verhaltenstherapeutisch-kognitiven Therapien. Diese werden gerade von psychoanalytischer Seite oft völlig zu unrecht kritisiert.
? Im ein anderes Symptom ersetzt. Im Gegenteil, sie bewirkt durch eine Art Schneeballeffekt eine allgemeine Besserung des Befindens. Bemerkenswerterweise ist das Land, in dem sich die kognitiv-verhaltenstherapeutische Strömung am besten entwickelt hat, in Holland, auch eines der demokratischsten Länder des Planeten.

Diese Zusammenfassung enthält längst nicht alle Invektiven und Dümmlichkeiten, dürfte aber genügen, um zu zeigen, wes Geistes Kinder die Autoren sind. Lohnt es sich angesichts eines solchen Sammelsuriums von Unterstellungen und Diffamierungen zu differenzieren und die verschiedenen Beiträge einzeln zu bewerten? Vielleicht. Es würde allerdings den Rahmen einer Rezension einer so umfangreichen Textsammlung sprengen. Zwei Gründe sprächen aber dafür. Man könnte auf diese Weise den wenigen Autoren gerecht werden, die in ihrer Argumentation sachlich und im Ton nicht ausfallend werden. Und vor allem könnte man die Argumente herausfiltern, die ernst zu nehmen sind. Wenn man allerdings den Feinden der Psychoanalyse von vornherein die Zugeständnisse macht, die tatsächlich gemacht werden müssen, d.h. wem man zugesteht, daß es in der Geschichte der Psychoanalyse einige sehr unerfreuliche Vorkommnisse gegeben hat, die allerdings von Psychoanalytikern selbst schon kritisiert worden sind, und wenn man zugesteht, daß es wie in jeder anderen Berufsgruppe auch unter den Psychoanalytikern schlechte Vertreter des Standes gibt, bleibt nicht mehr sehr viel, was aus Sicht der Psychoanalytiker Kopfzerbrechen verursachen müßte. Am ehesten wohl die Ergebnisse von Untersuchungen der Geschichte der Psychoanalyse wie sie Borch-Jacobsen vorlegt. Aber kann man sich wirklich auf eine sorgfältige und sachliche Beurteilung des Forschungsmaterials bei einem Autor verlassen, der Freuds Arbeit häufig höhnisch kommentiert und z.B. psychoanalytische Konstruktionen als bösartigen Klatsch oder Verleumdungen auffaßt; der gerne beweisen möchte, daß es die Psychoanalyse eigentlich gar nicht gibt (S.178ff.), sondern nur eine Myriade von therapeutischen Gesprächen, die ebenso verschieden sind, wie die an ihnen Beteiligten (S.183). Wie einige neuere Untersuchungen, z.B. die sorgfältige Studie des Falls Anna O. von Richard A. Skues zeigen, sind Zweifel angebracht.

Abgesehen von der zweifelhaften Qualität und des befremdlichen Tons der zusammengestellten Texte muß man die Herausgeberin des Sammelbandes vor allem aus zwei Gründen kritisieren.
Seit es die Psychoanalyse gibt, gibt es auch eine Unzahl von psychoanalysefeindlichen Publikationen, auch in deutscher Sprache. Es ist aber auf den ersten Blick erstaunlich, daß die Herausgeberin des Schwarzbuches, die sogar alte Texte von Alfred Hoche und Aldous Huxley in die Sammlung mit aufgenommen hat, ausgerechnet den brillantesten Kritiker der Psychoanalyse in französischer Sprache nicht berücksichtigt hat. Georges Politzer ist auffällig abwesend in dieser Sammlung von Texten, die als Psychoanalysekritik gelten sollen. Das ist aber auf den zweiten Blick nicht erstaunlich. Politzer hat schon vor mehr als achtzig Jahren die Freudsche Psychoanalyse besser verstanden und auch brillanter mißverstanden als alle anderen. Daß er sie schließlich aus politischen Gründen als KPF-Mitglied verworfen hat, steht auf einem anderen Blatt. Seine Einsichten, so vor allem sein Verständnis des Psychoanalyse als sprachvermitteltes Verfahren, aber selbst seine Mißverständnisse der Psychoanalyse, vor allem sein Verkennen des Unbewußten, waren im Ansatz so scharfsinnig, daß ebenso brillante Köpfe wie einerseits Lacan und andererseits Merleau-Ponty und Sartre daran anknüpfen konnten. Auf diese Weise hat Politzers Psychoanalysekritik, wie jede triftige Kritik, der Psychoanalyse letztlich mehr genützt als geschadet. Dagegen schaden die polemischen Schludereien des Schwarzbuches letztlich nicht der Psychoanalyse, sondern dem Ansehen derer, die auf diesem Niveau argumentieren.
Der zweite Vorwurf den man der Herausgeberin des Schwarzbuches machen muß, gilt ihrer perspektivischen Begrenztheit. Psychoanalysekritik ist hier Kritik an ihrer Entstehungsgeschichte, an ihrer Therapie und ihrem gesellschaftlichen Einfluß. In dieser Perspektive wird psychoanalytische Theorie in Frage gestellt, lächerlich gemacht und abgewertet. Was ihr entgegengestellt wird, ist experimentelle Psychologie ohne Psyche. Auf der Ebene theoretischer Erwägungen lassen sich beide gar nicht sinnvoll aufeinander beziehen. Das Ausblenden des Psychischen und die Leugnung oder Nichtbeachtung des Unbewußten bringen zumindest ausschließlich verhaltenstheoretisch begründete theoretische Konstrukte nicht zufällig in den Ruf eine Art Laborrattenpsychologie zu sein. Die Berücksichtigung kognitiver Aspekte reicht jedoch längst nicht, um das zu leisten, was heutzutage dringlicher denn je von wissenschaftlich begründeter Psychologie geleistet werden müßte, d.h. eine kritische Theorie der subjektiven Befindlichkeiten in unserer heutigen Gesellschaft, in der Psyche in einer Weise vergesellschaftet, ausgebeutet und manipuliert wird, wie nie zuvor. Selbst wenn man der Psychoanalyse sehr skeptisch gegenübersteht, wird man gut daran tun, sie sachlich zu kritisieren und zu hoffen, daß dies ihrer Entwicklung nützt. Wer sich daran beteiligt, sie zu diffamieren und zu schädigen, sieht offensichtlich nicht, daß sie ungeachtet aller Unzulänglichkeiten die einzige Theorie ist, an der man anschließen kann, wenn man verhaltenstheoretisch begründeter Korrektur und Zurichtung von Verhalten eine kritische Theorie von Subjektivität und des Subjekts entgegenstellen will. Mit Politzer gesprochem eine konkrete Theorie, die vom Individuum ausgeht und keine Theorie in der dritten Person. Daß dies nicht leicht ist, kann keine Rechtfertigung dafür sein, nut noch theoretische Ansätze gelten zu lassen, in denen von dem was spezifisch Menschlich ist, nur Wissen und die Fähigkeit zu bloßem Kalkül berücksichtigt werden.