Schulungsprotokolle

18.11.69 bis 3.2.70 (erstellt von der Basisgruppe Medizin)

Hans-Jürgen Krahl

Schulungsprotokoll vom 18.11.69

Absterben des Rechts:

Die Kritik des Gothaer Programms stellt die ökonomiekritische Begründung der Durchsetzung der kommunistischen Gesellschaftsform dar. Marx weist nach, daß das angeblich sozialistische Programm durch die Kompromißbereitschaft mit den Lassalleanern und dem bestehenden Staat diesem Anspruch nicht mehr gerecht wird. Indem es prospektiv auf eine kommunistische Gesellschaft hin argumentiert, ohne reale Möglichkeiten der Verwirklichung in der bestehenden kapitalistischen Gesellschaftsordnung aufzuzeigen, erweist sich die Realitätsblindheit des Programms (die freilich ganz reale Gründe hat!) z.B. Abstraktion von der Natur als Quelle gesellschaftlichen Reichtums, Abstraktion vom Klassensatz, Arbeitsertrag allen Mitgliedern nach gleichem Recht etc.

Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andere.“

An der Darstellung dieser Übergangsphase wird das Absterben des Rechts nachgewiesen.

Da die Waren nicht selbst zu Markte gehen können, können sie also nur unter Warenbesitzern ausgetauscht ; Warenbesitzer, die sich als Repräsentanten von Ware gegenseitig als Privateigentümer anerkennen müssen. Die Art des Vertrages zwischen beiden, d.h. wie die Vertragspartner im Tauschverkehrs auftreten, ist abhängig von den ökonomischen Verhältnissen. In der kapitalistischen Gesellschaft werden also die Rechtsverhältnisse aus Kategorien des Tauschverkehrs abgeleitet.

In der Übergangsgesellschaft besteht weiterhin ein Äquivalententausch, der aber dann ein Austausch Gleichwertiger ist, weshalb auch die gegenseitige Anerkennung als Privateigentümer wegfällt. D. h., das bürgerliche Recht mit seinem Zweck der Sicherung von Privateigentum stirbt in der Übergangsphase sukzessive ab. Es ist nicht mehr aus den Verkehrsregeln des Tauschverkehrs, sondern aus der Produktion abgeleitet. Da die Gleichheit in der bürgerlichen Gesellschaft auf dem Tauschverkehr basiert, als die Individuen auf eine Eigenschaft, nämlich die des Waren-Besitzens reduziert, was ihre Gleichwertigkeit ausmacht, abstrahiert sie von allen anderen Eigenschaften und Bedürfnissen, oder anders: Die Individuen

verkehren nur als Warenbesitzer miteinander und sind gleichgültig gegen ihre

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anderen Eigenschaften und Bedürfnisse.

In der Übergangsgesellschaft ist der Maßstab des Rechts immer noch außerhalb des Individuums (die Individuen treten sich als Arbeiter gegenüber, von den übrigen Eigenschaften wird ebenfalls weitgehend abstrahiert) aber es ist schon insoweit individualisiert, als die individuelle Leistung Maßstab für das Recht wird. Also schon jeder nach seiner Leistung, noch nicht nach seinen Bedürfnissen.

Produktion und Emanzipation:

In der Übergangsphase ist eine freie Entfaltung der Leistung aller möglich und nötig. Der Einzelne muß sich einen gewissen Leistungszwang selbst auferlegen, damit eine schrankenlose Produktion von Produktionsmitteln einsetzen kann, die die naturnotwendige Arbeit derart minimieren, daß die Unterdrückung des Menschen durch Arbeit aufgehoben wird. Dann stellt Arbeit unmittelbare Lebenstätigkeit dar, da das Produkt den Produzenten selber gehört und nicht mehr einem kleinen Teil von Nicht- Arbeitern.

Es bleibt die Frage offen, ob ohne Anreiz durch Vermehrung der Befriedigung von Bedürfnissen eine solche Entfesselung der Produktivkräfte möglich ist, nur vom Bewußtsein geleitet, jetzt selber die Produktion zu bestimmen und für sich selber zu produzieren. Kann die Produktion ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Arbeiter ausgedehnt, wo ist die Grenze der Arbeitszeit, wer setzt sie fest? Das Verhältnis von Produktion und Emanzipation ist also unklar.

Außerdem bleibt die Frage offen, wie dieses Bewußtsein überhaupt entsteht. Es ist zweifelhaft, allein durch die Abschaffung der Manipulation der Kapitalisten und die Übernahme der Produktion quasi von selber mit dem technischen Fortschritt der Bewußtseinsfortschritt entsteht, der zur Umwälzung der Gesellschaft in allen Bereichen notwendig ist.

Dabei muß man auf heute bezogen feststellen, daß das Verhältnis von Produktion und Emanzipation zum Primat der Emanzipation verschoben ist, weil die Produktionsmittel weitgehend entfaltet sind und daher auch die Bedürfnisbefriedigung weitgehend möglich ist. Die Phase der Entfesselung der Produktivkräfte wird also relativ kurz sein, die emanzipativen Tendenzen wird man in

der vorrevolutionären Phase quasi antizipierend fördern und einüben müssen

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(z.B. Stud.revolte – wilde Streiks).

Die 2-Phasen Theorie, d.h., daß zwischen kapitalistischer und kommunistischer Gesellschaft eine lange Phase der Diktatur des Proletariats liegen muß, entspricht also hinsichtlich der Entwicklung der Arbeitsproduktivität und der Emanzipations-notwendigkeit nicht mehr den heutigen Verhältnissen. Zusammenfassend 3 Charakteristika der Übergangssellschaft:

  1. Es besteht immer noch der Austausch von Warenäquivalenz aber nicht mehr der Tauschwert ist Ziel und Zweck der Produktion, sondern bereits tendenziell der Gebrauchswert.
  2. Die Rechtsverhältnisse basieren n9icht mehr auf Waren- und Privatbesitz, son-dern die Individuen tauschen als Produzenten, nicht mehr als Warenbesitzer aus.
  3. Es besteht immer noch eine Trennung von Produktion und Konsumtion, solange bis die Produktivkräfte voll entfaltet sind.

Protokoll zum 5.12.69

Der erste geschichtliche Akt dieser Individuen, wodurch sie sich von den Tieren unterscheiden, ist nicht, daß sie denken, sondern daß sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren.“(MEW 3, S.20) Marx und Engels setzen in der „Deutschen Ideologie ihre materialistische Geschichtstheorie K Idealismus der Hegelepigonen. Während bei den Junghegelianern Religion, Vernunft, Rationalität die Menschen vom Tier unterscheiden, ist bei Marx und Engels die Produktion des materiellen Lebens die spezifische Differenz. Der Satz: die Menschen fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren, ein Schritt, der durch ihre körperliche Organisation bedingt ist“(S.21) ist nicht zu verstehen als Beschreibung eines ursprünglichen Ablösungsprozesses der Menschen von den Tieren, sondern Wesen, deren körperliche Organisation ihnen die Möglichkeit gibt, sich aus Naturverhältnissen zu emanzipieren, sind vorausgesetzt.

Der eingangs zitierte Satz und die auf S.28 folgenden ThesenK.“Die erste geschichtliche Tat ist also die Erzeugung der Mittel zur Befriedigung dieser Bedürfnisse, die Produktion des materiellen Lebens(…)“sowie:“ Das Zweite ist, daß das befriedigte erste Bedürfnis selbst, die Aktion der Befriedigung und das schon erworbene Instrument der Befriedigung zu neuen Bedürfnissen führt – und diese Erzeugung neuer Bedürfnisse ist die erste geschichtliche Tat K.können leicht zu falschen Ursprungsfragen, zur Frage danach führen, ob Bewußtsein erst als Ergebnis der auf physische Reproduktion gerichteten Produktion entsteht oder ob diese bereits Resultat von Bewußtsein ist.

Auch der Widerspruch zwischen der Erzeugung der notwendigen Mittel zum Leben als der „ersten geschichtlichen Tat“ und der Erzeugung neuer Bedürfnisse als der ersten geschichtlichen Tat provoziert die Frage nach dem Ursprung. Ohne damit die im Text enthaltenen Widersprüche unterschlagen zu wollen, scheint uns die Intention von Marx und Engels in folgenden Satz deutlich ausgesprochen. „Übrigens sind diese (..) Seiten der sozialen Tätigkeit nicht als (..) verschiedene Stufen zu fassen, sondern nur als (..) Seiten, oder um für die Deutschen klar zu schreiben, (..) Momente“, die von Anbeginn der Geschichte an und seit den ersten Menschen zugleich existiert haben und sich noch heute in der Geschichte geltend machen

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(S.29) Sprache und Bewußtsein, die „aus dem Bedürfnis, der Notdurft des Verkehrs mit anderen Menschen“ (S.30) entstehen, sind eine Seite, ein „Moment“ dessen, was Produktion meint.

Nicht das Bewußtsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewußtsein“ (S.27). Diese These dürfte sinnvoll nur zu verstehen sein als bewußt polemisch – einseitige Spitze gegen die Junghegelianer und nicht als Versuch, die allgemeine Funktion zu bestimmen. Marx und Engels verweisen die „Deutsche Philosophie“ welche vom Himmel auf die Erde herabsteigt“ (26), die reale geschichtliche Bewegung als durch Denken bestimmt ansieht, auf ihren „Zusammenhang (…) mit der deutschen Wirklichkeit“ (20).

Die Menschen haben dadurch, daß sie sich aktiv zur Natur verhalten müssen – im Gegensatz zu den Tieren, die ein mimetisches Verhalten zur Natur kennzeichnet – die Möglichkeit zur Emanzipation von der Natur. Aktives Verhalten zur Natur meint produktive Konsumtion, Aneignung der Natur, Veränderung des Menschen durch Veränderung der Natur. Wie das geschieht, hängt zunächst von der Beschaffenheit der vorgefundenen und reproduzierenden Lebensmittel selbst ab. (S.21)

Befriedigte Bedürfnisse, „die Aktion der Befriedigung und das schon erworbene Instrument der Befriedigung“ (S.28) erzeugen neue Bedürfnisse, welche ihrerseits die Produktion verändern. Der Umkreis der unmittelbar physischen Bedürfnisse wird transzendiert; es entsteht Kultur. In der materialistischen Bestimmung von Produktion als der Möglichkeit zur Emanzipation ist der klassische Autonomiebegriff aufgehoben.

Folgende Probleme wären zu diskutieren:

  1. Wie läßt sich der bisherige Geschichtsprozeß plausibel trennen in „Vorgeschichte“ und „Geschichte“, wenn Marx und Engels einmal den Kommunismus als den eigentlichen Beginn von Geschichte bestimmen und zum anderen die Manier der Historiker kritisieren, frühe Geschichtsperioden in die „Vorgeschichte“ zu verweisen, um sie dann mit ihren Spekulationen aus zu pinseln?

  2. Was genau heißt „progressiv – retrospektive Geschichtsauffassung, Erklärung der Anatomie des Affen von der Anatomie des Menschen her?3
  3. Die Protokollanten haben den Eindruck, daß die Vermittlung zwischen den thesenhaft geronnenen Resultaten der M./E.-schen Analyse in der Diskussion nicht geleistet wurde. Zu prüfen wäre, ob dies ein Mangel der Diskussion oder des Textes ist.
  4. Reduzieren Marx und Engels Produktion auf Arbeit, oder umfaßt Produktion: Arbeit und Arbeitsteilung (Anal. d .Begr. Verkehrsf. und Kommun.)?

Schulungsprotokoll vom 6.1.70 (Einleitung der Grundrisse)

Fragen aus vorangegangener Schulungssitzung

  1. die Genesis von Klassenbewußtsein

  2. das Verhältnis von Klasse “an sich“ und Klasse “für sich“

  3. Bewußtsein als Reflex von Arbeitsteilung; (Produzenten werden isoliert und isolieren sich in der Produktion selbst; daher ein Bewußtsein, das beschränkt ist durch den Warenfetischismus; der organisierte Proletarier hat ein anderes Bewußtsein; bestimmte Elemente dieses Klassenbewußtseins?

..spez. ökon. Prod.begriff i. d. Kr. d. pol. Ök.- die Reduktion von Produktion auf Arbeit, auf spez. ökon. Produktion, ist schon Verkürzung, da Prod. auch die ganze Dimension von Aktivität und Autonomie im Verhältnis der Menschen zur Natur und untereinander beinhaltet, und damit (v.) Spontaneität.

Von da ist Frage an Marx zu stellen, (die er nicht gelöst): Wie ist das Verhältnis von Produktion und Klassenkampf beschaffen; die Frage ist gestellt nach der Überführung der revolutionären Produktionstheorie (Produktionskritik) in eine Revolutionstheorie (Theorie der Revolution)

ad2

Klasse „an sich“ als Klasse gibt es nicht; die Klasse „für sich“ konstituiert sich Marx zufolge nur im Klassenkampf als politische Klasse. Klasse „an sich“ bestimmt lediglich die Situierung dem Individuen im Produktionsprozeß, sie ist „an sich“, und noch nicht objektivierte und subjektivierte Klasse, also Klasse die noch nicht zur Erscheinung gekommen ist, deshalb, weil sie die chaotische Mannigfaltigkeit von miteinander konkurrierenden, sich bekämpfenden und sich unsolidarisch zueinander verhaltenden Individuen ist, so wie ja die Arbeiter auf dem Arbeitsmarkt gezwungen werden, miteinander zu konkurrieren, um ihre Arbeitskraft, die Ware Arbeitskraft für den bestmöglichen Preis zu verkaufen. Das heißt also die Klasse „an sich“ ist genau jener Konkurrenzzustand der Arbeiter, unter dem sie ihr gemeinsames Interesse, ihre Bedürfnisstruktur und ihr gemeinsamen Ausschluß vom Eigentum an den Produktionsmitteln nicht erkannt, nicht durchschaut haben und auch nicht das Bedürfnis danach entwickelt haben, während die Klasse „für sich“ diejenige ist, wie sich Organisation und Klassenbedürfnis manifestiert, wobei die Organisation des

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politischen Kampfes, also etwa die Lenin’sche Partei, so wie sie konzipiert worden ist, überhaupt das manifest gewordene Klassenbewußtsein ist. Die Organisation des politischen Kampfes ist das materialisierte Klassenbewußtsein; das heißt darin ist sowohl die Konkurrenz aufgehoben, und hier sind jetzt auch andere Wahrnehmungswelten der gesellschaftlichen Realität gegeben, anders gesagt, der org. Proletarier, der klassenbew. Proletarier fällt nicht mehr auf den Fetischcharakter der Ware herein; er betrachtet die Produkte, die er gemacht als auch von ihm gemacht, und betrachtet das Geld und die Ware nicht als naturgegebene Größen, sondern als g3esellschaftliches Verhältnis. Das heißt hier wird die gesellschaftliche Realität anders wahrgenommen, erfahren und erkannt.

+++Das ändert doch aber nichts an seiner objektiven Isolierung im Produktions-prozeß (daß er in der Partei ist) !+++

In der einzigen Organisationstheorie, die wir ausgeführt haben, also der Lenins, und Lukacs Spekulation darüber, soll es ja an sich so aussehen, daß die Organisation auch schon eine vorwegnehmende Aufhebung bestehender Konkurrenz- und Isolierungsmechanismen der Produktion leistet, natürlich nicht in der Prod. sphäre

selber- das kann sie gar nicht unmittelbar, es sei denn in bestimmten genossenschaftlichen Organisationsformen, auch gewerkschaftliche Organisations-formen waren ja etwa von Marx selber in Hinblick auf Mechanismen der antizip. Aufhebung der Isolierungskonsequenzen abstrakter Arbeit gedacht; aber auf jeden Fall wird die Isolierung, die sich aus der Produktion heraus in alle gesellschaftlichen Verkehrsformen des Proletariats hinein produziert, sie muß in der Organisation (partiell aufgehoben werden). Sie ist die bestimmte Negation.

+++Das heißt dann also, daß die Produzenten aus der Produktion herausfallen, sonst bleiben sie doch im Konkurrenzkampf +++

Die Klasse an sich ist nicht Klasse, sondern ein Konglomerat miteinander konkurrierender Individuen; erst die Klasse für sich ist die Klasse die in der Wirklichkeit zur Erscheinung kommt, als Organisation, als Koalition, als Kampf.

Anders ist bei der Bourgeoisie gewesen (dies erklärt den Unterschied der Begriffe): Die Bourgeoisie ist nie rein Klasse an sich gewesen, sondern konnte im Feudalismus ihre Organisationsformen schon fast vollständig ausbilden.

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Die Organisation des Bürgertums ist die Stadt, die Marx als Urtypus des Kapital bezeichnet hat, das heißt, es bedurfte für die Bourgeoisie keiner Partei in diesem Sinne. Aber das Proletariat wurde mit der ursprünglich akk. des Kap. vom Land in die Stadt geworfen, wurde dort erst Lohnarbeiter; Stadtluft macht frei, frei in dem Sinne, wie Marx es auch meinte, nämlich auf der einen Seite frei von Leibeigenschaft, auf der anderen Seite frei auch von allen Produktionsmitteln, schafft also völlig Besitzlose, Eigentumslose, ein Heer nicht organisierter Individuen, die nur autoritär in den Manufakturen und Industriefabriken später zusammengefaßt werden, ohne Organisation……..; während das Bürgertum seine Organisation im Gegensatz zu der des Proletariats schon fast vollständig ausbilden konnte im Feudalwesen. Das meine ich mit Klasse an sich.

In diesem Sinne ist das Bürgertum, das zwar auch unter sich konkurriert aber immer schon auf der seiner organisatorischen Institutionen, also vor allen Dingen der Städte histor. ges. ….

+++Man kann im übrigen die Stellung des Arbeiters im Produktionsprozeß nicht so vollkommen der Solidarität der Arbeiter entgegensetzen, weil sich ja selber in der Prod.sphäre zumindest Elemente entwickeln, die Solidarität und Klassenbewußtsein fördern, und zwar durch die zunehmende Vergesellschaftungstendenz der Arbeit; das heißt, daß die Produzenten in Produktionsprozeß nicht mehr vereinzelt als Individuen produzieren, sondern selber integriert werden in einen Gesamtarbeiter, damit natürlich auch die Bedingungen zu der eigenen Klasse als eines solidarischen Kollektivs erleichtern +++

Das war Marxens Ansicht!

Haben sich wirklich Organisationsformen, solidarische Formen der Arbeiter…?

Oder hat sich nicht geradezu das Gegenbild dieser Solidarität, die faschistische Arbeitswelt herausgebildet! Hat sich nicht der Faschismus….(Marx meinte der Sozialismus) historisch ges. …

+++dazu Isaac Deutscher: Die Entwicklung rel. großer Betriebe, in denen Massen von Arbeitern Möglichkeiten stärkerer Kommunikation und Solidarität hatten, waren mit eine entscheidende Bedingung für die russische Revolution +++

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Richtig! Aber die Frage nach Entstehung des Klassenbewußtseins, nach seiner empirischen Erzeugung, gibt es bislang keine Antwort. Auch Lenin hat die Partei a

priori immer schon vorausgesetzt, eine Partei, die er selbst gemacht hat; ihren

Entstehungsprozeß hat er nie thematisiert, nie durchschaut. Die Bedingungen der Aktionen, die vorausgingen, – Narodniki? und anarchistische Terrorzirkel usw..

All das geht in seine Reflektion nicht ein , und es gibt bislang keine Theorie, die die historischen Entstehungsbedingungen von Organisationsformen behandeln; das ist im Marxismus struktiv angelegt, da reicht der Marxismus nicht aus um eine Theorie der Revolution, zu….

Marx sagt (Deutsche Ideologie Fischer ME Studienausgabe S.96u.):

Mit der Teilung der Arbeit, in welcher alle diese Widersprüche gegeben sind und welche ihrerseits wieder auf der naturwüchsigen Teilung der Arbeit in der Familie und der Trennung der Gesellschaft in einzelne, einander entgegengesetzte Familien beruht, ist zu gleicher Zeit auch die Verteilung, und zwar die ungleiche, sowohl quantitative wie qualitative Verteilung der Arbeit und ihrer Produkte gegeben, also das Eigentum, das in der Familie, wo die Frau und die Kinder die Sklaven des Mannes, schon seinen Keim, seine erste Form hat. Die freilich noch sehr rohe, latente Sklaverei in der Familie ist das erste Eigentum, das übrigens hier schon vollkommen der Definition der moderne Ökonomen entspricht, nach der es die Verfügung über fremde Arbeitskraft ist. Übrigens sind Teilung der Arbeit und Privateigentum identische Ausdrücke in den einen wird in Beziehung auf die Tätigkeit dasselbe ausgesagt, was in den andern in Bezug auf das Produkt der Tätigkeit gesagt wird.“

Das ist nicht einleuchtend! Wenn Arbeitsteilung und Privateigentum identisch sind, wenn schon der Eigentumsbegriff, wie er gewissermaßen aus der naturwüchsigen Sklaverei des Mannes über Frau und Kinder in der Familie entwickelt ist, schon den Begriff des modernen Privateigentums entspricht, dann ist die gesamte Geschichte bürgerliche Gesellschaft. Projiziert Marx hier nicht die bürgerliche Gesellschaft auf die ganze Geschichte? Und ist das Grundeigentum dann auch Privateigentum?

Dazu noch eine Stelle bei Marx (s. o. p. 100)

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Die durch die auf allen bisherigen geschichtlichen Stufen vorhandenen Produktionskräfte bedingte und sie wiederum bedingende Verkehrsform ist die bürgerliche Gesellschaft,…“

Ist es nicht Marx’ und Engels’ Maxime materialistischer Geschichtsschreibung (daß die Vergangenheit vorkapitalistischer Gemeinwesen nur erkennbar ist aus der Perspektive der hochentwickelten auf Arbeit und Arbeitsteilung begründeten kapitalistischen Gesellschaftsformation), die 1. gegen die trad. idealistische Geschichtsauffassung (Hegel, Entfaltung eines der Geschichte selbst enthobenen Absoluten), 2. gegen den Historismus bei Ranke und Dilthey (es gäbe kein logisch vermittelndes Band zwischen einzelnen Epochen) steht, und die (hier) blind angewandt wird und zur Identität von Arbeitsteilung und Privateigentum führt?

Wenn man Marxens Satz (siehe oben) interpretiert, ergibt sich eine Zweideutigkeit in der Marx’schen Theorie: ob er nämlich den Begriff der Arbeitsteilung nicht mit jener Arbeitsteilung im Prinzip doch gleichsetzt, die waren produktiv ist, also das, was er später als abstrakte Arbeit bezeichnet hat; und das Geld, das Ausdruck dieser Warenproduktion ist und damit dieser Arbeitsteilung, das gibt jetzt ja nun auch schon seit Urzeiten (siehe Grundrisse, Einleitung p.27). Das heißt, Marx ist jetzt auch nicht so zu interpretieren – dann würde er mißverstanden – als ob er hier eine Universalgeschichte projiziert habe, als ob es so aussehe, wenn man die Geschichte

aus der Perspektive der hochentwickelten bürgerlichen Gesellschaft betrachtet, als

ob alle Gemeinwesen ziel gerichtet mit teleologischer Notwendigkeit in die bürgerliche Gesellschaft hätten münden müssen. Das ist nicht richtig. Marx identifiziert nur in den vorhergehenden Gemeinwesen jene Organisationsformen, die die Keimformen der bürgerlichen Gesellschaft schon in sich tragen, die aber in diesen Gemeinwesen im Grunde genommen nebensächliche, akzidentelle Rolle spielen; so zum Beispiel das Auftreten des Geldverkehrs im römischen Imperialismus; das Auftreten bestimmter Organisationsformen in den Germanischen Organisation des Heidentums; dort identifiziert er all jene Momente aus der Perspektive der entfalteten bürgerlichen Gesellschaftsformation, die schon bürgerliche Organisationsformen der Möglichkeit nach enthalten. Es ist nichts darüber ausgesagt, (Marx in seinen Briefen an Michailowski) daß mit Notwendigkeit diese Momente hätten zur Entfaltung kommen müssen. Marx stellt keinen

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zwingenden universalgeschichtlichen Zusammenhang her. (siehe Tranform. von bürgerlicher in sozialistische Gesellschaft)

Die II. und III. Internationale haben solche Metaphysik universalsgeschichtlicher Art aus der Theorie gemacht:

Die Revisionisten mit der Interesse, die Revolution als überflüssig hinzustellen, weil der Sozialismus sich ja sowieso entwickelt im Schoß der kapitalistischen Gesellschaft

die Stalinisten mit dem Interesse, was im Grunde ein Aufgeben revolutionärer Veränderung ist, die Revolution als solch ein naturnotwendiges Produkt hinzustellen, zu dem man gar nicht erst groß organisieren und die Massen erziehen muß.

Das waren universalgeschichtliche Deformierungen der Marx’schen Theorie! Und in der Tat gibt es ambivalente Interpretationsmöglichkeiten aus der Marx’schen Theorie, die so etwas nahelegen, und die Deutsche Ideologie gehört zu solch einer Schrift, die solch zwingenden, naturnotwendigen universalgeschichtlichen Zusammenhang der Konstruktion von Kapitalismus und Sozialismus nahelegen könnte.

+++Dem muß man aber doch entgegenhalten, was im Abschnitt über Kommunismus eben in der Deutschen Ideologie (Fischer ME Stud.ausg. p. 132,33) gesagt wird:

Der Kommunismus unterscheidet sich von allen bisherigen Bewegungen dadurch, daß er die Grundlage aller bisherigen Produktions- und Verkehrsverhältnisse umwälzt und alle naturwüchsigen Voraussetzungen zum ersten Mal mit Bewußtsein als Geschöpfe der bisherigen Menschen behandelt, ihrer Naturwüchsigkeit entkleidet und der Macht der vereinigten Individuen unterwirft. Seine Einrichtung ist daher wesentlich ökonomisch, die materielle Herstellung der Bedingungen dieser Vereinung. Das Bestehende, was der Kommunismus schafft, ist eben die wirkliche Basis zur Unmöglichmachung alles von den Individuen unabhängig Bestehenden, sofern dies Bestehende dennoch nichts als ein Produkt des bisherigen Verkehrs der Individuen selbst ist. Die Kommunisten behandeln also praktisch die durch die bisherige Produktion und Verkehr erzeugten Bedingungen als unorganische, ohne indes sich einzubilden, es sei der Plan oder die Bestimmung der bisherigen

Generationen gewesen, ihnen Material zu liefern, und ohne zu glauben, daß diese

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Bedingungen für die sie schaffenden Individuen unorganisch waren.“ ++++++++

Ja, aber wir lesen doch, was er vorhersagt (D. Ideol.s.o.p.131)

Schließlich erhalten wir noch folgende Resultate aus der entwickelten Geschichtsauffassung: 1. In der Entwicklung der Produktivkräfte tritt eine Stufe ein, auf welcher Produktivkräfte und Verkehrsmittel hervorgerufen werden, welche unter den bestehenden Verhältnissen nur Unheil anrichten, welche keine Produktionskräfte mehr sind, sondern Destruktionskräfte (Maschinerie und Geld) und was damit zusammenhängt, daß eine Klasse hervorgerufen wird, welche alle Lasten der Gesellschaft zu tragen hat, ohne ihre Vorteile zu genießen, welche aus der Gesellschaft heraus drängt, in den entschiedensten Gegensatz zu allen anderen Klassen forciert wird; eine Klasse, die die Majorität aller Gesellschaftsmitglieder bildet und von der das Bewußtsein über die Notwendigkeit einer gründlichen Revolution, das kommunistische Bewußtsein, ausgeht, das sich natürlich auch unter den andern Klassen vermöge der Anschauung der Stellung dieser Klasse bilden kann; 2. daß die Bedingungen, innerhalb derer bestimmte Produktionskräfte angewandt werden können, die Bedingungen der Herrschaft einer bestimmten Klasse der Gesellschaft sind, deren soziale, aus ihren Besitz hervorgehende Macht in der jedesmaligen Staatsform ihren praktisch-idealistischen Ausdruck hat und deshalb jeder revolutionäre Kampf gegen eine Klasse, die bisher geherrscht hat, sich richtet; 3. daß in allen bisherigen Revolutionen die Art der Tätigkeit stets unangetastet blieb und es sich nur um eine andere Distribution dieser Tätigkeit, um eine neue Verteilung der Arbeit an andere Personen handelte, während die kommunistische Revolution sich gegen die bisherige Art der Tätigkeit richtet, die Arbeit beseitigt und die Herrschaft aller Klassen mit den Klassen selbst aufhebt, weil sie durch die Klasse bewirkt wird, die in der Gesellschaft für keine, Klasse mehr gilt, nicht als Klasse anerkannt wird, schon der Ausdruck der Auflösung aller Klassen, Nationalitäten etc. innerhalb der jetzigen Gesellschaft ist; und 4. daß sowohl zur massenhaften Erzeugung dieses kommunistischen Bewußtseins wie zur Durchsetzung der Sache selbst eine massenhafte Veränderung der Menschen nötig ist, die nur in einer praktischen Bewegung, in einer Revolution vor sich gehen kann; daß also die Revolution nicht nur nötig ist, weil die herrschende Klasse auf keine

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andere Weise gestürzt werden kann, sondern auch, weil die stürzende Klasse nur in einer Revolution dahin kommen kann, sich den ganzen alten Dreck vom Halse zu schaffen und zu einer neuen Begründung der Gesellschaft6 befähigt zu werden.“

Und nun habe ich eine Frage. Marx sagt, die Erzeugung des kommunistischen Bewußtseins sei nur in einer Revolution möglich.

Wie aber kommt die Revolution zustande? Ohne kommunistisches Bewußtsein und ohne massenhafte Veränderung der Menschen?

Auch Marx würde zu gestehen, daß zu einer proletarischen Revolution auch vorweg schon die Produktion kommun. Bew.K, das sich in der Revolution dann selber wieder transformiert, zu einer Veränderung der Menschen nötig ist. So etwa, wenn er sagt „….20,30,50 Jahre blutiger Bürgerkriege für die Arbeiterklasse, nicht, um die Umstände, sondern sich selbst zu verändern …“.

Aber all das kann nicht erklären, wie überhaupt erst die klassenbewußte Organisation zustande kommt, in der solch verändertes Bewußtsein sich manifestiert und dann die Revolution zustande bringt.

Ich glaube, daß dies auf Grund einer bestimmten Bedingung nicht geleistet wurde und möchte dazu eine These aufstellen, die zu einer Revision des Marxismus zwingt, nämlich die, daß Marx die Revolution immer schon metaphysisch voraussetzt! Und zwar hat er auch bestimmte historische Gründe dafür; denn die Revolutionen, die er historisch vor Augen hatte, die französische Revolution über 1830, 1848, bis hin zur Kommune von1873,diese Revolutionen haben nicht als proletarische begonnen, sondern immer als bürgerliche. Die Revolutionen im

  1. Jahrhundert sind vom Proletariat nicht gemachte bürgerliche Praxis, das Bürgertum hat noch eine progressive Funktion, es ist das Bürgertum, das 1848 um die politische Macht kämpft, und das Proletariat beteiligt sich am Machtkampf des Bürgertum, und kommt keineswegs über diese bürgerliche Vorstellung hinaus. Das heißt, Marx hat es mit der Tatsache zu tun, daß die bürgerliche Revolution, wobei das Bürgertum eine noch progressive Funktion hat, was sie im 20. Jahrhundert ja nicht mehr hat (siehe Konterrevolution), Marx geht von der Tatsache aus, daß es eine objektive Dialektik von bürgerlicher und proletarischer Revolution gibt, wobei er

vor dem Problem steht, die bürgerliche in die proletarische Revolution zu

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transformieren.

Zur Verdeutlichung der Hinweis auf „Klassenkämpfen in Frankreich“, diese Schrift bezieht sich auf die 48er Revolution (ME, ausgew. Schr. I, Vorspruch der „Klassenkämpfen in Frankreich“)

Mit einem Worte: Nicht in seinen unmittelbaren tragikomischen Errungenschaften brach sich der revolutionäre Fortschritt Bahn, sondern umgekehrt in der Erzeugung einer geschlossenen mächtigen Konterrevolution, in der Erzeugung eines Gegners, durch dessen Bekämpfung erst die Umstürzpartei zu einer wirklich revolutionären Partei heranreifte.“

Diese Schrift kennzeichnet die objektive Dialektik von bürgerlicher und proletarischer Revolution (für Marx historisch berechtigt).

Marx meint wirklich, daß dieser Prozeß so aussieht dann unter den Bedingungen der Erzeugung von Konterrevolution, daß hinter dem Rücken und über das Bewußtsein der Proletarier hinweg, die bürgerliche Revolution selbst die Desillusionierungen produziert, daß das Proletariat zum Klassenbewußtsein aus diesen objektiven Bedingungen gelangt. Das ist eine Metaphysik des Weltgeists. Für das 20. Jahrhundert ist diese Dialektik nicht mehr gültig, weil das Bürgertum nur noch konterrevolutionäre Funktion hat. (siehe dazu: Übernahme von Rosa Luxemburg, siehe Spontaneität).

Hier ist Marx vom Geist bürgerlicher Revolution geschlagen; ist seine Theorie insofern keine Theorie der proletarischen Revolution, als es für ihn eine metaphysisch überhöhte Dialektik von bürgerlicher und proletarischer Revolution gibt.

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Neue Fragestellung:

Wir haben einmal den Zusammenhang zwischen Arbeitsteilung und Bewußtsein zu klären versucht (siehe eine der vorangegangenen Schulungssitzung), und sind dabei auf das Problem der Sprache gekommen; Marx sagte da: Sprachgeist praktisches Bewußtsein; und wir haben gesagt – das geht aus Marx hervor – Sprache ist aus der Arbeitsteilung entstanden. Sprache ist das praktische Bewußtsein der

geteilten Arbeit. Wenn das so ist, möchte ich gerne wissen, wieso Marx die

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Arbeitsteilung durchschauen konnte, wenn auch seine Sprache diese widerspiegelt; ich möchte wissen – das geht aus der Marx’schen Theorie nicht hervor – wieso Marx imstande war, die Arbeitsteilung seiner eigenen Gesellschaft zu durchschauen, wenn auch sein Bewußtsein durch das gesellschaftliche Sein bestimmt ist, oder anders gesagt, wenn in der Sprache und Bewußtsein keine Momente enthalten sind, die gewissermaßen über die Bestimmung des Bewußtseins durch das gesamte Sein hinausgehen, dann könnte man auch nicht kritisch die Gesellschaft erkennen. Was ist aber dieses Moment, das darüber hinausgeht, und wodurch wird es eigentlich konstituiert? Marx selber hat meiner Meinung nach eine objektive Antwort darauf: Die Konkurrenz, sagt er isoliert die Proletarier nicht nur voneinander, sondern bringt sie auch zusammen, bringt sie in Verkehr, und dieses Zusammenbringen bedeutet, daß man auch die Fähigkeit hat zur Synthesis (der Trennung durch die Arbeitsteilung?). Das ist eine objektive Interpretation, von der ich meine, daß sie enorm viel an Plausibilität hat, aber sie scheint mir eins nicht zu erklären: die Kritik der politischen Ökonomie und unter diesem Aspekt haben wir sie ja wohl zu lesen beansprucht als revolutionäre Theorie, also eine Theorie, die die Bedingungen einer Veränderung der Gesellschaft aufzeichnet. Um diese aufzuzeigen, muß sie zunächst einmal die Bedingungen aufzeigen, die das verhindern, also, das falsche Bewußtsein. So mündet das Warenkapital etwa mit logischer Konsequenz in das Fetischkapitel, wo falsche Bewußtseinsformen aufgezeigt werden. Ich bin in der Tat der Meinung, daß die Kritik der politischen Ökonomie hinreichend war, um die Bestimmung des Bewußtseins aus dem gesellschaftlichen Sein zu erklären; aber Marxens Desiderat ist es ja, daß die Menschen durch Bewußtsein Geschichte machen und dieses Verhältnis sich umkehrt.

……???…Revolution…und mit…Klassenkämpfe; und ich bin der Meinung, daß das die Marx’sche Theorie nicht erklären kann. Daß die Kr. der politischen Ökonomie als revolutionäre Theorie der Herrschaftsentschleierung und der gesellschaftlichen Dynamik unvermittelt ist zur Theorie des historischen Materialismus, als Theorie und Geschichte der Klassenkämpfe, das rührt einerseits aus den schon genannten Grund her, daß für Marx die Revolution eine schon immer vorgefundene, und nicht

machbare, sondern nur proletarisch transformierbare Tatsache ist. Nachdem die

Revolution ausblieb nach 1872, hat Marx so gut wie kein revolutionstheoretisch

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relevantes Wort mehr gesagt. Die Kritik des Gothaer Programms geht auf die Konstruktion der künftigen Gesellschaft zu, aber sagt nicht, wie die Revolution zustande kommt.

Und jetzt geht noch ein zweites Moment mit ein: Ich glaube, ein reduzierter Begriff von Produktion (ich meine, daß Habermas ein wichtiges Problem zumindest aufgeworfen hat), und zwar spiegelt sich das in folgendem Text de Deutschen Ideologie wieder (Fischer, ME Stud.ausgabe I, p 97). Er spricht davon, wie im Rahmen privateigentümlicher Arbeitsteilung die Produktion der eigenen Tätigkeit des Menschen sich als seiner Kontrolle entzogen über seinen Kopf festsetzen und die Gestaltung von Staat und dergleichen mehr annehmen und sagt hier:…“Dieses sich Festsetzen der sozialen Tätigkeit, diese Konsolidation unseres eigenen Produkts zu einer sachlichen Gewalt über uns, die unserer Kontrolle entwächst, unsere Erwartungen durchkreuzt, unsere Berechnungen zunichte macht, ist eines der Hauptmomente in der bisherigen geschichtlichen Entwicklung und eben aus diesem Widerspruch des besonderen und gemeinschaftlichen Interesses nimmt das gemeinschaftliche Interesse als Staat eine selbständige Gestaltung, getrennt von den wirklichen Einzel- und Gesamtinteressen an, und zugleich als illusorische Gemeinschaftlichkeit, aber stets auf der realen Basis der in jedem Familien- und Stammkonglomerat vorhandenen Bänder, wie Fleisch und Blut, Sprache, Teilung der Arbeit im größeren Maßstabe und sonstigen Interessen….“

……………………………………………p.98–…………………………..“

Wenn man davon ausgeht, daß Produktion als Prinzip von Geschichte Arbeit und Arbeitsteilung ist, und daß gleichwohl alle Geschichte eine Geschichte von Klassen ist; (das eine ist Gegenstand – ich trenne jetzt absichtlich analytisch, obwohl die analytische Trennung Ideologie ist, aber sie ist eine Marx’sche) – wenn man davon ausgeht – es geht um die Bedingungen einer Theorie der Revolution – daß Produktion das Prinzip der Geschichte ist und bloß KArbeit und Arbeitsteilung, und daß alle Geschichte gleichwohl eine Geschichte von Klassenkämpfen ist, so ist es logisch nicht möglich diese Produktion und das Bewußtsein von Produktion zu den Klassenkämpfen hin zu vermitteln. Hier geht eine Lücke in die Marx’sche

Konstruktion der Geschichte ein, und ich glaube sie bezeichnen zu können mit

Sprache.

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Familie, Sprache und Arbeitsteilung sind meiner Meinung nach die Prinzipien, die in der Geschichte als Geschichte zur Entfaltung kommen. Ich bin auch der Meinung, und das haben zum Beispiel Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung gesehen, daß Sprache zwar aus Arbeitsteilung entsteht, daß Sprache aber nicht bloße Widerspiegelung der Arbeitsteilung sein kann, weil sonst nicht erklärbar ist, wie man die Gesellschaft überhaupt richtig erkennen könnte, (wenn sie der bloße Reflex der Arbeitsteilung ist).

Marx muß nicht nur die Bedingungen angeben, unter denen das Bewußtsein vom gesellschaftlichen Sein bestimmt wird, denn ein vom gesamten Sein bestimmtes Bewußtsein ist ja auch ein falsches Bewußtsein; er muß auch die Bedingungen angeben, wie man mit Bewußtsein das gesellschaftliche Sein bestimmt.

Das ist aber nötig für die Bildung von Klassenbewußtsein.

Ich sage nicht, Sprache tritt gleichwertig als Prinzip neben den Begriff der Produktion; aber ich meine, daß in dem Augenblick, wo Warenproduktion und Geld sich entwickeln, und damit auch Tauschverkehr, Sprache ein Moment enthält,…-…

(Abbrechen der Bandaufzeichnung)

Schulungsprotokoll vom 13.1.1970

Krahl:

Es sollte vielleicht gleich noch mit geklärt werden, weil das wahrscheinlich einer der wesentlichsten und schwierigsten Texte ist, dieser Abschnitt: Die Methode der Politischen Ökonomie“. Ich weiß nicht, ob wir das nächste Mal schon dabei beginnen, das wird ja die Diskussion heute ergeben, da müßte jemand drauf vorbereiten, und zweitens schon, weil wir dann ja übergehen zum Warenkapitel, müßte sich jemand auf einige Abschnitte in der Hegelschen Logik vorbereiten. (Band 2 der Logik, Meinhardsche Ausgabe, Seite 7 ff.) Das ist vor allem die Dialektik von Wesen und Erscheinung. Und ganz gut wäre es noch, man würde aus dem kleinen Bändchen, das der Karl Heinz Haak bei der Europäischen Verlagsanstalt veröffentlicht hat, das heißt „Zur Kritik des Philosophischen Idealismus“, abgesehen von den beiden sehr konzisen Aufsätzen, die er darin hat, hat er im Anhang einzelne kleine Abschnitte aus der Hegelschen Logik veröffentlicht und kommentiert. Und das wäre wahrscheinlich so ziemlich das Beste dazu.

Ich weiß nicht so recht, wie wir jetzt in die Diskussion einsteigen sollen. Marx erörtert hier ja, und manchem wird das recht scholastisch erschienen sein, im ersten Teil der Einleitung zur Kritik der Politischen Ökonomie, in der im Grunde genommen das erkenntiskritische Selbstverständnis der Marxschen Theorie sich reflektiert, sieht man einmal ab von den Feuerbachthesen, erörtert Marx hier, liefert er einen Versuch, Produktion als Kategorie von Totalität, in alle übrigen Bereiche des ökonomischen Verkehrs der Gesellschaft, nämlich Distribution, Konsumtion und Zirkulation mit einbegriffen sind, nachzuweisen, und zwar in einer ganz bestimmten Dialektik. Marx macht nämlich eine Abstraktion hiermit, die er später selbst als ideologisch erweist, nämlich, daß er zunächst einmal den Begriff der Produktion von den bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungsstufen auf der allein dieser Begriff zu erörtern ist, loslöst und gewissermaßen die ideologische Abstraktion der bürgerlichen Ökonomie, die den Produktionsbegriff ahistorisch behandelt, mitmacht. Allerdings so, daß er explizit, und daran sollten wir vielleicht beginnen, vorher vorausschickt, daß, „wenn also Produktion“, wie er schreibt, “die Rede ist, immer von Produktion auf einer bestimmten Entwicklungsstufe die Rede ist, von der Produktion gesellschaftlicher Individuen.“ Marx beginnt mit einer Kritik an der Projektion des

Produktionsbegriffs in einen geschichtslosen Naturzustand der eingeselligen

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Robinsonade, um dann überzugehen in eine Erörterung des allgemeinen Produktionsbegriffs. Und das sollte man vorausschicken, diese Allgemeinheit des Produktionsbegriffes, die er hier erörtert, ist nichts anderes als die Widerspiegelung der Realität von Produktion in der kapitalistischen Gesellschaftsformation selber, die überhaupt erst den Begriff von Produktion als solch historische Allgemeinheit historisch produziert hat. Das weist er im 2. Teil nach.

Ich meine aber, daß wir übergehen sollten, weil das eine sehr nützliche Reflexion ist, mit dem was er hier sagt, zum Verhältnis von Individuum, Gesellschaft und geschichtlich bestimmter Produktion am Anfang. Es mag für uns selbstverständlich sein, was er darin sagt. Aber daran kann man überhaupt erst sehen, wie sich die Marxsche Theorie von Produktion als geschichtliche begreift. Das grundsätzlich Neue, was für uns zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist, der Marxschen Theorie von Produktion ist dieses, daß Marx eine Gesellschaftsformation als historisch vergängliche begreift, um es mal so ganz klar zu sagen. Und zweitens, als eine , die dynamisch ist, das bedeutet, eine, die ihre eigenen gesellschaftlichen Verhältnisse und technologischen Reproduktionsverhältnisse permanent umwälzt. Im Gegensatz zur feudalen Gesellschaft, die also Produktionsverhältnisse und gesellschaftliche Verkehrsformen entwickelt hat, die permanent die Gesellschaft selbst revolutionieren und ihrem eigenen Untergang zutreiben. Lassen wir mal dahingestellt, ob diese Zusammenbruchstendenz, die Marx mit seiner These von der permanenten Revolutionierung der Gesellschaft aufgestellt hat., stimmig war. Das grundsätzlich Neue, und deswegen habe ich auch das letzte Mal angegeben, wie es der Grossmann in seinem Bändchen über Marx „Die klassische Nationalökonomie und das Problem der Dynamik“ entfaltet hat, ist dieses: Marx begreift die Gesellschaft als eine historisch vergängliche. Das war neu damals, obwohl es uns heute selbstverständlich erscheint. Und er sagt hier, und vielleicht könnten wir damit anfangen, in der Interpretation, gleich am Anfang fängt er an, den Begriff der Produktion zu erörtern und sagt: „Der vorliegende Gegenstand zunächst die materielle Produktion. In Gesellschaft produzierende Individuen – daher gesell-schaftlich bestimmte Produktion der Individuen ist natürlich der Ausgangspunkt. Der einzelne und vereinzelte Jäger und Fischer womit Smith und Ricardo beginnen,

gehört zu den phantasielosen Einbildungen der 18.-Jahrhundert-Robisonaden, die

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keineswegs, wie Kulturhistoriker sich einbilden, bloß einen Rückschlag gegen Überfeinerung und Rückkehr zu einem mißverstandenen Naturleben ausdrücken. So wenig wie Rousseaus contrat social, der die von Natur independenten Subjekte durch Vertrag in Verhältnis und Verbindung bringt, auf solchem Naturalismus beruht. Dieser Schein und nur der ästhetische Schein der großen und kleinen Robisonaden. Es ist Vielmehr die Vorwegnahme der „bürgerlichen Gesellschaft“, die seit dem

  1. Jahrhundert sich vorbereitete und im 18. Jahrhundert Riesenschritte zu ihrer Reife machte. In dieser Gesellschaft der freien Konkurrenz erscheint der Einzelne losgelöst von den Naturbanden usw., die ihn zu früheren Geschichtsepochen zum Zubehör eines bestimmten, begrenzten menschlichen Konglomerats machen. Den Propheten des 18. Jahrhundert, auf deren Schultern Smith und Ricardo noch ganz stehen, schwebt dieses Individuum des 18.Jahrhundert – das Produkt einerseits der Auflösung der feudalen Gesellschaftsformen, andrerseits der seit dem 16. Jahrhundert neu entwickelten Produktivkräfte – als Ideal vor, dessen Existenz eine vergangene sei. Nicht als ein historisches Resultat, sondern als Ausgangspunkt der Geschichte. Weil als das naturgemäße Individuum, angemessen ihre Vorstellung von der menschlichen Natur gesetztes. Diese Täuschung ist jeder neuen Epoche bisher eigen gewesen. Steuart, der in mancher Hinsicht im Gegensatz zum 18. Jahr-hundert und als Aristokrat mehr auf historischem Boden steht, hat diese Einfältigkeit vermieden.“

Hier ist eine ganz bestimmte These aufgestellt, nämlich die, daß der Übergang von der feudalen zur kapitalistischen Gesellschaft zurück projiziert wird auf einen mythischen Naturzustand bei den Ökonomen des Bürgertums erstens, und ich würde damit eine ganz bestimmte These verbinden. Zweitens, daß Individuum und Produktion in einem bestimmten Zusammenhang stehen. Das sollten wir vielleicht diskutieren. Marx sagt ja hier etwas ganz Wesentliches, was hier noch nicht so zum Vorschein kommt, aus: über die Basis, über die ideologische Basis der bürgerlichen Ökonomie. Zunächst mal einfach diesen Vorwurf, diese Kritik, die er hier erhebt, über das Verhältnis von Geschichte und Vorgeschichte, wie es sich in der bürgerlichen Ökonomie widerspiegelt.(….)

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Gen.:

Ich meine, das was Marx hier den bürgerlichen Ökonomen vorwirft und damit sie praktisch auch zu Apologeten der bürgerlichen Gesellschaft erklärt, ist doch das, wenn man noch mal anknüpft an das, was er in der Deutschen Ideologie gesagt hat, daß da quasi ein Prozeß vorgenommen wird, daß das Individuum einer späteren Epoche und auch sein Bewußtsein der vorigen Epoche unterstellt wird und daraus dann auch die Entwicklung der Produktivkräfte abgeleitet werden kann, praktisch als dem Bewußtsein der Individuen, daß diese falsche Unterstellung dazu dient, wenn er an einer anderen Stelle hier sagt: „Das ist es aber alles nicht, worum es den Ökonomen wirklich in diesem allgemeinen Teil sich handelt. Die Produktion

soll vielmehr – siehe zum Beispiel Mill – im Unterschied von der Distribution etc. als eingefaßt in von der Geschichte unabhängigen ewigen Naturgesetzen dargestellt werden, bei welcher Gelegenheit dann ganz unter der Hand bürgerliche Verhältnisse als unumstößliche Naturgesetze der Gesellschaft in abstructo untergeschoben werden. Dies ist der mehr oder minder bewußte Zweck des ganzen Verfahrens.“

Und das ist praktisch gerade die These, mit der er die bürgerlichen Ökonomen inkriminiert, daß die also bürgerlichen Verhältnisse oder von den bürgerlichen Verhältnissen abstrahierend um dann den Menschen an sich betrachten zu können, der in dieser bürgerlichen Gesellschaft entstanden ist und aus ihm dann auch die Formen oder Bestimmungen von Produktion als allgemeine, die sich aber nur in der spezifischen bürgerlichen Gesellschaft entwickelt haben können, zu unterstellen und damit diese bürgerlichen Verhältnisse auch als natürlich und nicht veränderbar, denn was demnach natürlich oder anlagemäßig ist, wäre auch ein nicht zu veränderndes, darzustellen.

Gen.:

Was man dazu sagen könnte, ist: der Marx hat das ja auch in anderen Schriften, in den Pariser Manuskripten einerseits, und Fetischkapitel im Kapital hat er das dann auf den Begriff gebracht. Marx weiß erst einmal, obwohl er den Begriff der Ware noch nicht einführt als zentrale Kategorie in den Pariser Manuskripten, weiß der Marx, daß die Nationalökonomen im Unterschied schon erkannt hat, daß der Wert eines Arbeitsproduktes abhängt vom Wert der gesellschaftlich durchschnittlich…der

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durchschnittlichen Arbeitszeit, die zu seiner Herstellung gebraucht wurde. Was er den englischen Nationalökonomen allerdings vorwirft, ist die Tatsache, daß sie erst mit dem Produkt der Arbeit sich beschäftigen. Das erklärt er in seinem Entfremdungskapitel daraus, daß die entfremdete Arbeit zuerst wieder scheint in der Entfremdung des Arbeiters von seinem Produkt und nicht vom Arbeitsprodukt selbst. In diesem Fetischkapitel führt er das dahingehend aus, da beschreibt er, daß der Wert der Arbeit auch erst deshalb wieder im Wert des Produktes wiederkehrt., weil die einzelnen Produzenten erst auf dem Markt ihre Produkte austauschen. Das heißt der Wert konkretisiert sich, bzw. realisiert sich erst in der Sphäre der Zirkulation. Indem die englischen Nationalökonomen, also bereits vom Naturverhältnis darstellten, waren sie auch nicht in der Lage, den Wert der abstrakten Arbeit, auch den Vorgang des Arbeitsprozesses selbst dahingehend zu reduzieren, daß die eigentliche historische Dimension eröffnet worden wäre, die es ihnen möglich gemacht hätte, zu durchschauen, daß der Tausch, so wie er auf dem kapitalistischen Markt vor sich geht, tatsächlich nur eine besondere Form der kapitalistischen Produktion ist. (Bezieh das mal auf den Text!) Ich beziehe das dahingehend auf den Text, daß dadurch, daß diese englischen Nationalökonomen ihre ganzen Ableitungen erst von der Zirkulationssphäre her machen konnten, und sich nicht auf den Produktionsprozeß als konstitutiv beziehen konnten, mußten sie alle Erscheinungen der bürgerlichen Gesellschaft als gewissermaßen naturwüchsige ansehen. Die Verhältnisse, die sich aus der Notwendigkeit des Tausches ergeben haben,….ich komme im Augenblick nicht weiter.

Krahl:

Du willst damit sagen, daß die bürgerlichen Ökonomen, also die klassischen Ökonomen Smith und Ricardo, geblendet waren vom ahistorischen Schein der Zirkulationssphäre. Oder nicht? (Doch.) Ja, da würde Marx wahrscheinlich widersprechen. Das würde er der romantisierenden Vulgärökonomie zugeordnet haben, nicht aber der klassischen Ökonomie, die ja die Wertabstraktion als solche schon entdeckt hat und wirklich eine Analyse des Produktionsprozesses geliefert hat. Ich glaube nämlich, es sind nicht bloß ökonomieheoretische Erwägungen, die

die klassische Ökonomie zur Enthistorisierung des Produktionsprozesses verleitet

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haben, sondern wie ich meine, wie es gerade diese Erörterung über Individualität nahelegt, bestimmte, und das wiederum aus den realökonomischen Ursachen erklärbare Anschauungen bürgerlicher Anthropologie, und ich glaube, daß man daraus eine ganz bestimmte These herleiten kann, in bezug auf die theoretische Selbstbegründung der bürgerlichen Ökonomie, gegen die Marx angeht. Wenn man nämlich den 2. Abschnitt liest:

Je tiefer wir in die Geschichte zurückgehen, je mehr erscheint das Individuum, daher auch das produzierende Individuum, als unselbständig einem größeren Ganzen zugehörig: erst noch in ganz natürlicher Weise in der Familie und in der zum Stamm erweiterten Familie; später in dem aus dem Gegensatz und Verschmelzung der Stämme hervorgehende Gemeinwesen in seinen verschiedenen Formen. Erst in dem 18. Jahrhundert, in der „bürgerlichen Gesellschaft“, treten die verschiedenen Formen des gesellschaftlichen Zusammenhangs entgegen, als äußerliche Notwendigkeit. Aber die Epoche, die diesen Standpunkt erzeugt, den des vereinzelten Einzelnen, ist grade die der bisher entwickelten gesellschaftlichen (allgemeinen von diesem Standpunkt aus) Verhältnisse. Der Mensch ist im wörtlichen Sinn ein zoon politicon, nicht nur ein geselliges Tier, sondern ein Tier, das nur in Gesellschaft sich vereinzeln kann. Die Produktion des vereinzelten Einzelnen außerhalb der Gesellschaft – eine Rarität, die einem durch Zufall in die Wildnis verschlagenen Zivilisierten wohl vorkommen kann, der in sich dynamisch schon die Gesellschaftskräfte besitzt – ist ein eben solches Unding, als Sprachentwicklung ohne zusammen lebende und zusammen sprechende Individuen. Es ist sich dabei nicht länger aufzuhalten. Der Punkt wäre gar nicht zu berühren, wenn die Fadaise, die bei den Leuten des 18. Jahrhundert Sinn und Verstand hatte, von Bastiat, Carey, Proudhon etc. nicht wieder ernsthaft mitten in die modernste Ökonomie herein gezogen würde. Für Proudhon unter anderem ist es natürlich angenehm, den Ursprung eines ökonomischen Verhältnisses, dessen geschichtliche Entstehung er nicht kennt, dadurch geschichtsphilosophisch zu entwickeln, daß er mythologisiert, Adam und Prometheus sei auf die Idee fix und fertig gefallen, dann sei sie eingeführt worden etc.. Nichts ist langweiliger, trockener, als der phantasierende locus communis.“

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Marx führt ja hier ein bestimmtes aus. Erstens – ich meine es wird ein quid pro quo vorgenommen – das bürgerliche Individuum, womit ja nicht gemeint ist das biologische Einzelwesen, in seiner animalischen Struktur, sondern das bürgerliche Individuum auch der Anspruch auf Autonomie, Müdigkeit und Emanzipation von der Natur und den Naturzwängen gesetzt ist. Das ist das eine. Das zweite ist, und das scheint mir das sehr viel wesentlichere zu sein, erstens geht ja ein eine Differenzierung im Gesellschaftsbegriff. Marx sagt hier etwas was er in dem Abschnitt im Rohentwurf „Epochen, die der Ökonomischen Gesellschaftsformation vorhergehen“ entfaltet hat und was Alfred Schmidt in seinem Nachwort zu Marxismus und Existentialismus sehr deutlich hervorgehoben hat, daß der Begriff von Gesellschaft im strengen Sinne nur für die bürgerliche Gesellschaft gilt. Daß Marx nicht zufällig für vorbürgerliche Organisationen des menschlichen Zusammenlebens die Begriffe von Stamm, Gemeinwesen und dergleichen mehr gebraucht, damit meint er, Gesellschaft ist ein hochentwickelter Zustand, in dem die Menschen universal miteinander in Kontakt treten. Wie etwa die bürgerliche Gesellschaft nicht denken ist ohne die ihr immanente Entwicklung zum Weltmarkt, universaler Verkehr der Menschen untereinander. Wobei das Spezifische an der bürgerlichen Gesellschaft ist, daß dieser universale Verkehr gewissermaßen die Individuen abstrakt zusammenbringt aber konkret auseinanderhält durch die Organisation privaten Eigentums. Das ist die Dialektik dabei, so daß der Gesellschaftliche Verkehr selbst wiederum sich zu einer Art zweiter Natur verselbständigt. Während Gemeinwesen, Stämme und dergleichen mehr immer noch gebunden sind an naturwüchsige und wirklich naturwüchsige und nicht verdinglicht naturwüchsige Organisationsformen unmittelbar etwa an die grund-eigentümlich organisierte Erde, und so die Fähigkeit zum Verkehr überhaupt nicht haben – nicht zufällig ist nach dem Zerfall des Römischen Reiches das Geld abgestorben, so sehr Karl der Große sich auch bemüht hat, Geldformen einzuführen, es konnte gar nicht gelingen, weil die einzelnen Lokalitäten nicht untereinander verkehrten, und erst mit der Entstehung des Handels von Nowgorod nach Belgien und von Florenz nach Konstantinopel, als sich die Städte bildeten, hat sich überhaupt Verkehr herausgebildet und wenn man so will auch bürgerliche

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Individualität. Das heißt, universaler Verkehr und Individualität sind aufeinander bezogen. Das ist das, was Marx hier sagt. Die These, die ich jetzt dazu aufstellen würde, wäre die:

Insofern die bürgerliche Ökonomie, das Individuum, das Produkt hochentwickelter gesellschaftlicher Zustände ist, nämlich der bürgerlichen Gesellschaft, aus der Dialektik von privatier und citoyen wenn man so will, heraus, rückprojeziert auf einen mythischen Naturzustand, ist das kein ökonomietheoretischer Vorgang – das würde ich zu dir zunächst sagen – sondern man kann sagen, die bürgerliche Ökonomie steht nicht auf dem Standpunkt der Ökonomie. Sie ist immer noch idealistisch in einem ganz bestimmten Sinn. Sie leitet nicht die Überbauformen aus der Ökonomie ab, sondern leitet sie selbst, die Ökonomie, aus den Überbauformen ab, anders gesagt, die bürgerliche Ökonomie hat zur Grundlage eine Naturideologie. Sie basiert auf Rechtskategorien, die an sich erst überhaupt abgeleitet werden müßten aus der Ökonomie, sich faktisch auch daher leiten, ein Mechanismus, den die bürgerliche Ökonomie nicht durchschaut. Adam Smith und Ricardo stehen auf dem Standpunkt des klassischen Naturrechts. Erst Marx stellt sich auf den Standpunkt der Basis, nämlich der Ökonomie, durch eine Kritik an dieser Ökonomie. Deshalb ist dieser historische anthropologische Vorspann so wichtig. Hier wird im Grunde genommen entlarvt, daß sich die bürgerliche Ökonomie auf Rechtskategorien basiert, u. z. implizit – das ist jetzt eine Interpretation von mir, die ich heraus extra poliere – implizit, nämlich im Zusammenhang zwischen Individuum und Gesellschaft stellt sie sich im Grunde genommen auf die abstrakte Rechtsperson. Das Individuum, das die bürgerliche Ökonomie meint, Robinson, ist kein biologisches Einzelwesen.

Gen.:

Ja, Hans – Jürgen, das reicht aber nicht als Erklärung aus folgendem Grunde: weil diese Art der Enthistorisierung des jeweils letzten Gesellschaftszustandes, wie Marx schreibt, jeder Epoche bisher zu eigen gewesen. Also nicht nur (einspefi) ein spezifisch bei der kapitalistischen Produktion, bei den kapitalistischen Ökonomen auftauchendes Phänomen. Mir scheint eine weitere brauchbare Erklärung folgende zu sein, daß die Ideologien einer Klasse, die durch eine Revolution als die herrschende sich zu etablieren versuchte, immer auch das Interesse hatten, ihre

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eigene Herrschaft dadurch zu legitimieren, daß sie sie als die naturrechtliche oder

natürlich dem Menschen angemessene Gesellschaftsform interpretiert hat, und von daher auch immer das Interesse hatte, die historische Gesellschaftsform als die natürlich – menschliche auszugeben, um damit sie als letztendliche auszugeben, um damit eben ihre Herrschaft zu stabilisieren. Ich meine, daß das Moment des revolutionären Interesses bei den Ideologien der Herrschenden Klasse mit hinein spielt.

Gen.:

Ich glaube, was du eben sagtest, das muß man differenzieren. Denn die These, die hier im 1. Abschnitt von Marx aufgestellt wird, ist sowohl eine geschichtsphilo-sophische als auch eine revolutionäre. Das heißt, das Verhältnis von Unterbau und Ideologie, und das ist wahrscheinlich auch die These, die man daraus extra polieren könnte, wandelt sich mit der bürgerlichen Produktionsweise. Wir haben uns ja das letzte Mal gefragt, wie Marx aus einer Kritik der politischen Ökonomie gleichsam revolutionäre Handlungsanweisungen geben kann, wie er Kategorien eines revolutionären Klassenkampfes aus den Kategorien der Kritik der bürgerlichen Ökonomie entwickeln kann. Und die Kritik die hinsichtlich dessen an Marx auch von Habermas und Welmer geübt wurde, war ja die, daß Marx, um das zu tun, was er gar nicht leisten konnte, der Kritik zufolge, den Begriff der Produktion, den er sozusagen als Sichselbstkonstition des bürgerlichen revolutionären Individuums als auch die Selbstabschaffung dieses Individuums als ein arbeitsteilig und isoliert organisiertes in der Gesellschaft, daß er das auf den Begriff der Produktion, nämlich materielle Produktion, letztlich auf Arbeit reduziert. Das heißt, wir müßten also den Zusammenhang einerseits zwischen Individuum und Gesellschaft und den Begriff, der dazwischen steht, der beide umfaßt: Produktion untersuchen. Und dann wird es sich erst zeigen, daß die kapitalistische Produktionsweise gegenüber anderen Produktionsweisen den Vorteil – und das ist ja Marxens These – aufweist, daß sie die Dialektik von Geschichte und Vorgeschichte (nicht nur), die Dialektik zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften, daß sie der nicht nur ausgesetzt ist, sondern das historisch zum ersten Mal die Möglichkeit besteht, dieses Verhältnis, das heißt also, die Produktion als immer schon gleichmäßig selbst zerfallene, darum

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den Konflikt zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften selbst zu durchschauen und seiner naturwüchsigen Automatik zu entheben. Und insofern kriegt das, was der Hans – Jürgen vorhin sagte einen anderen Stellenwert noch, daß man so sagen könnte, der kapitalistischen Produktionsweise ist es eigen, daß sie – und es wäre eben zu klären, daß es wirklich so ist, daß die Kategorien der bürgerlichen Ökonomie ableitbar sind aus juristischen (Nein, das habe nicht gesagt). Die bürgerliche Ökonomie selbst begründet sich ideologisch und zwar das heißt mit falschem Bewußtsein aus dem Naturrecht. Das meine ich. Und was konstituiert das Naturrecht?

Krahl:

Ja natürlich, das ist ja klar, daß die Kategorien des Naturrechts gewonnen sind aus

1. dem undurchschauten Übergang von der feudalen in die bürgerliche Gesellschaft, siehe Thomas Hobbes „Levithan“,

2. aus der Etablierung des Tauschverkehrs, siehe John Lockes „über die Regie- rung“ – das ist ja ganz selbstverständlich, nur – verstehst du – die bürgerliche Ökonomie selbst betrachtet das Naturrecht als Basis, und nicht die Ökonomie als Basis.

Gen.:

Ja richtig. Und da wärs also so, daß man auf Grund – und das ist die Marxsche These – auf Grund des Produktionsbegriffs die Ideologie, die wir im Kulturhaushalt der bürgerlichen Gesellschaft finden, ihres Anspruchs, den sie nicht einlösen können, überführen können, aber gleichzeitig diese Gesellschaft falsch- diesen (Grund) Anspruch auf Grund der Weiterführung und der Revolutionierung dieser Produktivkräfte einlösen kann. Also es war bisher keiner Gesellschaftsformation, Marx zufolge, weder der Sklavenhaltergesellschaft in der Antike noch der feudalen Gesellschaft im Mittelalter möglich, den Anspruch, den der Kulturhaushalt der jeweiligen Gesellschaftsformation und Produktionsweise für sich erhob, zu realisieren. Erst die permanente Revolutionierung der bürgerlichen Produktions-weise und die totale Entfesselung aller Naturkräfte, auch einer Basis von Produktion,

die selbst in diesen Naturkräften total befangen war, ist Marx zufolge das Prinzip

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diese Gesetze die blind über die Köpfe der Individuen laufen, ihnen einsichtig zu machen und sie ihnen als Instrumente an die Hand zu geben.

Krahl:

Trotzdem antwortet das ja nicht ganz auf seinen Einwand, nämlich daß ja alle Gesellschaftsformationen ihren eigenen Produktionsstand zu eine mahistorischen und natürlichen hypostasiert haben. Nur wäre jetzt eines dabei einzuwenden. Wenn man schon diese Differenzierung von Gesellschaft und vorbürgerlichen Gemein-wesen, die sich naturwüchsig entwickelt haben, einführt, dann ist der Unterschied nur der, daß feudale Gesellschaft, antike Sklavenhaltergesellschaft oder primitive, auf Verwandtschaftsbeziehungen beruhende Stämme ihre eigenen ökonomischen Produktionsprozesse als naturgegeben unterstellen, ist natürlich. Daß das aber die bürgerlichen Ökonomen machen, das ist nicht natürlich. Das ist sogar sehr verwunderlich. Einfach deshalb, weil ja diese vorbürgerlichen Stämme selbst gebunden sind, die von ihnen nicht selber gemachte Erde, aber die bürgerliche Gesellschaft

  1. auf historisch von den Menschen selber gemachten Verhältnissen,

  2. auf historisch von den Menschen selber gesetzten Produktionsmitteln beruht.

Gen.:

Das gilt auch für die anderen Epochen dieserart, daß es objektiv von den Menschen selber geschaffene Verhältnisse sind. Marx trifft ja auch diese Differenzierung hier nicht: „Diese Täuschung ist jeder neuen Epoche bisher eigen gewesen.“

Gen.:

Vielleicht sollte man diesen Einwand betrachten, den du vorhin angeführt hast mit dem Geld. Die vorbürgerlichen Gesellschaftsformationen haben ja alle einen relativ unmittelbaren Tauschverkehr gehabt. Und erst mit dem Aufkommen des Bürgertums wurde ja der Geldverkehr eingeführt. Das scheint mir ein wichtiger Aspekt zu sein.

Gen.:

Vielleicht können wir folgende Differenzierung einführen, daß ja Marx zweierlei

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Formen von falschem Bewußtsein unterscheidet, Mythologie und Ideologie. Daß Mythologie das falsche Bewußtsein ist, was diejenigen Gesellschaftsformationen auszeichnet, die vorbürgerlich sind, wo eben die Form des falschen Bewußtseins die naturwüchsige Konsequenz aus der bornierten Produktionsweise ist, die hauptsächlich noch übers Grundeigentum vermittelt ist. Daß eine bürgerliche Gesellschaft eine andere Form von falschen Bewußtsein hat, nämlich die der Ideologie, wo eben dann gesellschaftliche Verhältnisse als natürliche ausgegeben werden.

Krahl:

Genau das würde ich auch sagen. Ich würde an sich die Frage stellen: Hat die bürgerliche Gesellschaft eine neue Qualität an Historizität oder hat sie das nicht? Ist sie weniger vorgeschichtlich als die vorbürgerlichen Gemeinwesen oder nicht? Und wie ist Produktion, von der Marx ja hier ausgeht, gerade in ihrer Allgemeinheit, wahrscheinlich auch erst in der bürgerlichen Gesellschaft, weil diese einen größeren an Gemachtem, an Machbarkeit hat, erkannt worden. Ich will einfach auf diese Unterscheidung hinaus.

Gen.:

Man kann aber auch dieser Gesellschaft den Charakter der Naturwüchsigkeit nicht absprechen.

Krahl:

Ja, aber ist zweite Natur!

Gen.:

Wie ist übrigens der Ideologiebegriff in der Deutschen Ideologie? Ist Ideologie eine Kategorie, die nur auf Bewußtseinsformen der bürgerlichen Gesellschaft anwendbar ist, oder aber auch auf Bewußtseinsformen vorbürgerlicher Gesellschaften? Ich glaube, wie du es charakterisiert hast, war es kein spezifischer Unterschied. Auch Ideologie ist ja die naturwüchsige Reproduktion naturwüchsiger Verhältnisse im Bewußtsein.

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Krahl:

Er hat aber unterschieden: Mythologie reproduziert primär naturwüchsige Verhältnisse, Ideologie sekundär naturwüchsige also von den Menschen wirklich mit Bewußtsein, aber mit falschem Bewußtsein eingegangene. Ideologie gibt es auch im vorbürgerlichen Gemeinwesen, aber nur insofern da schon der Tauschverkehr, der Handel und die abstrakte Arbeit entwickelt ist.

Gen.:

Diese zwei unterschiedlichen Formen von Naturwüchsigkeit, die müßtest du mal gegeneinander abgrenzen. Das habe ich auch noch nie so gehört, darüber schreibt Marx auch nichts. Umgekehrt, er wendet ja den Begriff der Naturwüchsigkeit auf vorbürgerliche wie bürgerliche Gesellschaften an.

Krahl:

Aber hier steht das in dieser Einleitung drin und dann haben wir die ganze Sache auch zum Teil geklärt. Er sagt, daß in allen Gesellschaftsformen, in denen das Grundeigentum vorherrscht, das sind naturwüchsige Beziehungen. Die Gesellschaftsformation, sagt er, (mit dem) in der das Kapital vorherrscht, historische Beziehungen. Da besteht doch eine bestimmte Differenz. Anders gesagt, vorbürgerliche Gemeinwesen sind prinzipiell gebunden an objektive Produktionsbedingungen, die weniger von den Menschen gemacht sind, als objektiv vorgefunden sind, wie etwa die Erde, die haben wir nun mal nicht gemacht, die gab es.

In allen Formen in denen das Grundeigentum herrscht, die Naturbeziehung noch vorherrschend. In denen, wo das Kapital vorherrscht, das gesellschaftlich historische geschaffene Element. Das ist der Grundsätzliche weltgeschichtliche Unterschied, den das Kapital setzt.“ Die grundeigentümlichen Organisationsformen sind gebunden an Produktionsmittel, die von den Menschen nicht gemacht, nämlich die Erde, und so sind auch die gesellschaftlichen Beziehungen von den Menschen primär natürlich noch bestimmt, ja geradezu in Verwandtschaftsbeziehungen eingegliedert, also um es ganz deutlich zu sagen, wie Marx dann sagen würde, von

Fleisch und Blut, wie sie sich dann übersetzen in persönliche Beziehungen von

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Treue und Lehen und dergleichen mehr in feudalen Beziehungen, während das Kapital auf zwei historischen Voraussetzungen beruht.

  1. An die Stelle der vor allen Dingen nicht von den Menschen gemachten objektiven Produktionsbedingung Maschine. Das heißt Technik ist schon solch ein Moment von Historizität.

  2. An die Stelle von wirklich auf Grund persönlicher Abhängigkeiten und verwandtschaftlicher Beziehungen begründeten naturwüchsigen gesellschaft-lichen Verhältnisse treten universale gesellschaftliche Verhältnisse nach Maßgabe des privaten Eigentums und des universalen Tauschverkehrs. Das sind gesellschaftliche Verkehrsverhältnisse, die geradezu auch von den familiären abstrahieren. Oder anders gesagt, die familiären werden ihnen selber unterworfen.

Sowohl die gesellschaftlichen Verhältnisse als auch die objektiven Produktionsbedingungen sind jetzt von den Menschen selbst gemacht. Geschichte ist seit Vico, und das übernimmt Marx, das was die Menschen selber machen und selber machen können. Jetzt kommt das Moment hinzu, das die neue Naturwüchsigkeit konstituiert: das von ihnen selber gemachte erscheint ihnen als nicht von ihnen gemacht, sondern als Natur gegeben. Die gesellschaftlichen Verhältnisse treten ihnen als objektive Macht entgegen. Das was sie gemacht haben, steht nicht unter ihrer Kontrolle und nicht unter ihrem Bewußtsein. Das ist der unterschied in der Historizität. (Krahl geht weg)

Gen.:

Zitat von A. Schmidt: die vorbürgerlichen Gesellschaften haben Geschichte, die bürgerliche Gesellschaft ist Geschichte.

Gen.:

Was an Krahl noch zu kritisieren wäre, ist, wie er eine Ideologie aus der anderen erklärt hat…

Gen.:

Zitat von Lukas: Von Ideologie kann man erst dann sprechen, wenn sie nicht mehr

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unentwirrbar in ökonomische Herrschaft verfilzt ist. Erst in der bürgerlichen Gesellschaft treten Ideologie und ökonomische Herrschaft auseinander, anders beim Feudalherrn, beim Herrscher von Gottes Gnaden. Habermas: Ideologie bedeutet zugleich immer Ideologiekritik.

Weitere Fragen: Gibt es Interaktionsformen außerhalb des Bereiches der materiellen Produktion? Wie kann Klassenbewußtsein entstehen, wenn sämtliche Ideologie nur ein Reflex der Produktionsverhältnisse ist?

Schulungsprotokoll vom 13.1.1970

Gegenstand der Einleitung zu den Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie ist die Produktion als eine Kategorie von Totalität, in die alle ökonomischen Verkehrsformen (Distribution, Zirkulation, Konsumtion) eingehen. – In der Ausein-andersetzung mit den bürgerlichen Ökonomen wird – Produktion zunächst in idealistischer Abstraktion, weil unabhängig von den gesellschaftlichen Entwicklungsstufen, betrachtet und die wechselseitigen Verhältnisse von Individuum, gesellschaftlich bestimmter Produktion und Gesellschaft untersucht. Dabei wird klar, daß sich die Marxsche Theorie von Produktion selbst als geschichtliche begreift; sie spricht die historische Vergänglichkeit von Gesellschaftsformationen aus, die in der permanenten Selbstveränderung von deren Gesellschafts- und Produktionsverhältnissen zum Ausdruck kommt. Diese dynamische Auffassung (Lit.: H. Grossmann, Kl. nat.- Ök. und das Problem der Dynamik) war im Verhältnis zu der bis dato gültigen statischen des Feudalismus grundsätzlich neu; ihr liegt letztlich die Marxsche Neubestimmung des Menschen als eines „gegenständlich-tätigen“ zugrunde. – Die bürgerlichen Ökonomen projizieren den Produktionsbegriff in einen geschichtslosen Robinson-Zustand, auch der Übergang Feudalismus – Kapitalismus wird mythologisiert. Auf derselben ideologischen Basis stehend haben die bürgerlichen Geschichtsschreiber die Individuen der späteren Epoche in die frühere abgebildet, um gleichsam die Naturgesetzlichkeit und damit die Invarianz der bürgerlichen Gesellschaftsordnung zu fingieren (vergleiche Marx, DI). – Anscheinend sind es nicht bloß ökonomisch – theoretische Erwägungen, die zu derartigen Enthistorisierungen führten, vielmehr – diese These wird vom Gen. Krahl vertreten – finden sich bürgerlich anthrologische, finden sich idealistische Momente dafür:

Die Selbstbegründung der bürgerlichen Ökonomie baut auf der Tätigkeit einer Summe von vereinzelten einzelnen, setzt (im Sein und Bewußtsein) Einzelne als solche voraus. Die Existenz von Individuen als solchen ist aber überhaupt erst mit der „bürgerlichen Gesellschaft“ als einen Zustand hoher AT-Verhältnisse gegeben. Hier erst entwickelt sich universaler Verkehr (Weltmarkt) und damit verbunden Individualität (als der Möglichkeit nach „freies-Subjekt-sein“). Jene charakteristisch hohen AT-Verhältnisse sind es, die als Zweitnatur imponieren und einher gehen mit abstrakter Gemeinschaft, aber konkreter Isolation. Selbständigkeit des Individuums, Individualität, haben wir also in der bürgerlichen Gesellschaft, früher aber „je tiefer

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wir in der Geschichte zurückgehen, je mehr erscheint das Individuum, daher auch

das produzierende Individuum, als unselbständig, einem größeren Ganzen angehörig“ (Marx, GrundrisseI.1). Es ist hier zu bemerken, daß Marx den Begriff

Gesellschaft“ nur auf das bürgerliche Gemeinwesen, also differenziert anwendet

(vergleiche Rohentwurf, Epochen die der ökonomischen Gesellschaftsformation vorhergehen; dazu A. Schmidt, Marx und Existentialismus, es 116).

Bei der Rückprojektion verfahren die Ökonomen nun insofern idealistisch, als sie die Ökonomie aus dem Überbau herleiten, indem sie nämlich die Ökonomie auf dem Naturrecht begründen, dessen Rechtsperson in eben dem Robinson erscheint.

(Realiter aber müssen Rechtskategorien als Teil des Überbaus aus der Ökonomie folgen, also als abgeleitete, nicht ursprüngliche verstanden werden).

Erst die entwickelte bürgerliche Produktionsweise ermöglicht grundsätzlich die Einsicht in das Verhältnis von Unterbau und Ideologie, von Geschichte und Vorgeschichte, von Produktionskräften und Produktionsverhältnissen. Es ist deshalb verwunderlich, daß – was bei den vorbürgerlichen Gemeinwesen (Feud., Sklaven und Primitive) verständlich ist, die Ökonomen ihre Produktionsverhältnisse als natürlich i. o. S. hypostasieren. Denn die vorbürgerlichen Gemeinwesen sind gebunden an vorgefundene Produktionsmittel (Erde etc.) und vorgefundene gesellschaftliche Beziehungen – „Fleisch und Blut“ (Treue, Lehen), wohingegen das bürgerliche Gemeinwesen auf historisch gemachten Produktionsmitteln (Maschinen etc.) beruht und die gesellschaftlichen Verhältnisse universale (Privateigentum) sind. Diese Differenz begründet die neue historische Qualität, die mit der bürgerlichen Formation gegeben ist. Sie resultiert eben aus deren kritisch höherem „Machbarkeitsgrad“, dem sodann quantitativ der Grad der Verselbständigung des Gemachten zu einer neuen zweiten Naturmacht entspricht – ein Widerspruch, der in de Revolution aufzuheben ist. (Führt man den Begriff der „Naturwüchsigkeit“ ein – so nennt Marx Formationen, in denen das Grundeigentum vorherrscht, im Gegensatz zu den „Historischen“, die durchs Kapital bestimmt sind – so kann man sagen: Die Naturwüchsigkeit des Kapitals ist sekundär, reproduziert durch Ideologie, die der vorbürgerlichen Gemeinwesen ist primär – reproduziert durch Mythologie.)

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Zu klären wäre

1. ob in Grundrissen und DI verschiedene Produktionsbegriffe angesprochen werden

2. ob die bürgerlichen Ökonomen aktive oder passive Ideologieträger waren

Schulungsprotokoll vom 20.1.1970

Wenn es klar ist, daß die Produktion den Gegenstand der Konsumption äußerlich darbietet, so ist daher ebenso klar, daß die Konsumption den Gegenstand der Produktion ideal setzt, als innerliches Bild, als Bedürfnis, als Triebund als Zweck.“ (Zitat Ende) Ich meine die Produktion wird äußerlich dargeboten, ist etwas sichtbares, ein Produkt eben, während das, was die Konsumption dazu beiträgt, etwas Inneres, etwas Ideales ist, nämlich das Bedürfnis.

Das ganze wird doch dazu benutzt, um die Argumentation führen zu können, wieso die Produktion das Übergeordnete ist, indem gesagt wird, daß die Konsumtion das innere Moment ist, ist es auch nur Moment der Produktion.

Im marxschen Produktionsbegriff muß nachgewiesen werden, daß, indem gesellschaftliche Lebensbereiche, Konsumtion, Zirkulation und Distribution mit produzieren, die Produktion das Übergeordnete ist. Dadurch kann Produktion durch die Produktion dieser Lebensbereiche sich selbst übersteigen. Marx kann die Analyse der bürgerlichen Gesellschaft auf Grund des Produktionsbegriffes vornehmen, und die geschichtliche Interpretation dieser Vorgänge. Dem liegt die ideologiekritische Einsicht zu Grunde, daß die bürgerliche, kapitalistische Produktionsweise die einzige ist, die ihre eigenen Bedingungen durchschauen kann, dieser Bedingungen selber habhaft werden und sich aneignen kann.

Wenn wir sagen, daß die Produktion Aneignung der Natur ist, daß auch das Individuum assoziiert mit anderen Individuen sich die Natur aneignet, sich selbst aneignet, also sich zunächst konsumiert, und der Ausgangspunkt der Produktion, und auch gleichzeitig sein Endpunkt die Konsumtion in einem Akt gedeckt sind, so daß ich sozusagen nicht weiß, womit ich anfangen soll, aber Marx in der „Einleitung“ analytisch so vorgeht, daß er also sukzessive aus dem Produktionsbegriff, sowohl Distribution, als auch Zirkulation, als auch Konsumtion herleitet. Da heißt, daß der Produktionsbegriff nicht nur ein Übergeordneter ist, sondern auch, daß in den Momenten der Produktion, Distribution, Zirkulation und Konsumtion, selber wieder die Produktion als Totalität wirksam ist, dann ist nämlich die Frage zu stellen, wie kann, wenn die Resultate der Produktion, die Reflektion auf die Bedingungen der

bürgerlichen Produktion sind, ja demnach auch von dieser Produktionsweise induziert, wie kann die Produktion, indem sie ihrer eigenen Bedingungen habhaft wird und sie sich aneignet, über sich hinaus gelangen, denn die ideologiekritische Einsicht ist doch gerade diejenige, daß in der bürgerlichen Produktionsweise die Negation des glücklichen Lebens als auch ihre Utopie zugleich gesetzt ist. Das ist der Ausgangspunkt, der Marx dazu verlassen kann, die Ideologiekritik bei den bürgerlichen Ökonomen vorzunehmen.

Marx meint, daß die kapitalistische Produktionsweise die Individualität begründet, und von daher die Reflektion der kapitalistischen Produktionsweise selbst möglich ist. (Zitat): „Je tiefer wir in die Geschichte zurückgehen, je mehr erscheint das Individuum, daher auch das produzierende Individuum ,als unselbständig, einem größeren Ganzen angehörig. Es ist noch in ganz natürlicher Weise in de Familie und in der zum Stamm erweiterten Familie. Später, in dem aus dem Gegensatz und der Verschmelzung der Stämme hervorgehende Gemeinwesen in seinen verschiedenen Formen. Erst im 18. Jahrhundert, in der bürgerlichen Gesellschaft, treten die verschiedenen Formen des gesellschaftlichen Zusammenhangs dem Einzelnen als bloße Mittel für seine Privatzwecke entgegen, als äußerliche Notwendigkeit. Aber die Epoche, die diesen Standpunkt erzeugt, den des vereinzelten Einzelnen, ist gerade die bisher entwickelsten gesellschaftlichen, allgemein von diesem Standpunkt aus, Verhältnisse.“

Genosse Krahl: Dieses Problem muß man von der anderen Seite her aufrollen. Wenn Du sagst, daß Marx in diesem Abschnitt die verschiedenen Bestimmungen der ökonomischen Verkehrsformen, also Distribution, Austausch und Konsumption, vollständig aus dem Begriff der Produktion heraus reduziert, so steht das ja gerade hier zur Diskussion und zur Problematisierung. Dann sollte man vielleicht zunächst einmal sagen, welchen Sinn hat die scholastische Erörterung, von der man also von der einen Seite, die ja auf einer enorm quasi formallogischen, quasi formallogischen Verallgemeinerung liegt, ich meine der Verfall der formalen Logik, von dem also Kant, Hegel und so weiter betroffen sind, ich meine davon ist natürlich auch der Marx betroffen, wenn er also sagt: Produktion, Distribution, Austausch, Konsumption

bilden so einen regelrechten Schluß; Produktion die Allgemeinheit, Distribution und

Austausch, die Besonderheit und Konsumption die Einzelheit, worin sich das ganze zusammenschließt. Dies ist allerdings ein Zusammenhang, aber ein flacher. Ich meine, wenn hier also das Verhältnis Produktion, Distribution, Austausch und Konsumption, nach der Absage eines aristotelischen Philogismus (?) vorgestellt wird, dann muß man sich zunächst einmal fragen, was versucht er hier zu verwirklichen, anscheinend ist es doch, auf einer allgemeinen und scheinbar, wie ich meine, zunächst von konkreten geschichtlichen Inhalten abgefaßte kategoriale Erörterung, also eine Erörterung von Kategorien zunächst und nicht eine Erörterung, die intensione recta bestimmter gesellschaftlicher Zustände. Und hier ist die Frage zu stellen, was überhaupt diese allgemeine Erörterung leisten kann. Marx knüpft nämlich hier ja immanent ans methodologische Vorgehen der bürgerlichen Ökonomie und gewissermaßen, wenn dieser gesamte Abschnitt, also auch in dem 3. Abschnitt, der die Methode der Politischen Ökonomie heißt, und das wäre wahrscheinlich die gesamte Einleitung so zu überschreiben, dann muß man sagen, Marx gibt hier keine positive Methodologie, so etwas kann es gar nicht geben im Historischen Materialismus, seine eigene ökonomiekritische Darstellungsweise ist hier als Kritik der Politischen Ökonomie auch eine Kritik der Methode der bürgerlichen Ökonomie, und diese Kritik der Methode der bürgerlichen Ökonomie, die versucht er hier zu entfalten. Wenn er dann sagt, daß in der Regel bei den bürgerlichen Ökonomen mit Folgendem beginnt, daß wir also mit einer Bestimmung der Produktion im Allgemeinen beginnen (Zitat) „die Produktion im Allgemeinen ist eine Abstraktion, aber eine verständige Abstraktion, sofern sie wirklich das Gemeinsame hervorhebt, fixiert und uns daher die Wiederholung erspart.“

Marx sagt auf der einen Seite, der Begriff der allgemeinen Produktion hebt an den verschiedenen Produktionsepochen das heraus, was ihnen allen gemeinsam ist. Es ist also der reine Begriff von Produktion, die Merkmalseinheit, die gewissermaßen allen Produktionsepochen zukommt, dabei wird aber gerade die Verschiedenheit, auf die es ihm ankommt, die er auch selbst ausführt, unterschlagen, und wenn er von einer verständigen Abstraktion spricht, so ist das schon sehr ironisch gemeint, dann geht gewissermaßen die hegelsche Polemik gegen den analytischen und alles auseinanderreißenden und auf …..mit ein. Und er sagt deshalb auch sehr deutlich,

und davon muß man wahrscheinlich ausgehen, um in die historischen Formen

einzugehen (Zitat) „Wenn es keine Produktion im Allgemeinen gibt, so gibt es auch keine allgemeine Produktion. Die Produktion ist immer ein besonderer Produktions-zweig – zum Beispiel Agrikultur, Viehzucht, Manufaktur etc. – oder ist Totalität.“ Die Produktion, und hier geht schon eine ganz bestimmte historische Perspektive mit ein, nämlich die der kapitalistischen Gesellschaft, denn Marx meint hier, dort wo Agrikultur oder Viehzucht dominieren, oder dort wo die Manufaktur dominiert, ist die Produktion noch keine konkrete Totalität. Produktion, das muß man auch grade gegen den Interpretationsversuch Habermas sagen, hier sind alle übrigen ökonomischen Verkehrsformen subsumiert, also auch Distribution, Austausch und Konsumtion. Produktion als Totalität, die Distribution, Austausch und Konsumption zu ihren Momenten hat, ist überhaupt erst das Produkt einer hochentwickelten Arbeitsteilung. Totalität ist hier in der Tat als eine späte Entfaltungsform genommen, so wie Marx später sagt, „daß wenn die bürgerlichen Ökonomen, Arbeit schlechthin (Adam Smith) als Mittel des Reichtums begreifen,“ die damit eine abstrakte Arbeit meinen, die auf jede Gesellschaftsepoche zu trifft und gleichwohl erst real geworden ist, wirklich geworden ist in der kapitalistischen Gesellschaftsformation, so daß er sagt, „ein solcher Zustand ist am entwickelsten in der modernsten Daseinsform der bürgerlichen Gesellschaft in den Vereinigten Staaten. Hier also wird die Abstraktion der Kategorie Arbeit, Arbeit überhaupt, Arbeit sans phrase, der Ausgangspunkt der modernen Ökonomie, erst praktisch wahr. Die einfachste Abstraktion, welche die moderne Ökonomie an die Spitze stellt und die eine uralte und für alle Gesellschaftsformen gültige Beziehung ausdrückt, erscheint doch nur in dieser Abstraktion praktisch wahr als Kategorie der modernsten Gesellschaften.“

Etwas tiefer: „Dies Beispiel der Arbeit zeigt schlagend, wie selbst die abstraktesten Kategorien, trotz ihrer Gültigkeit – eben wegen ihrer Abstraktion – für alle Epochen, doch in der Bestimmtheit dieser Abstraktion, selbst eben sosehr das Produkt historischer Verhältnisse sind und ihre Vollgültigkeit nur für und innerhalb dieser Verhältnisse besitzen.“ Das heißt, wenn Marx hier eine kategoriale Erörterung vornimmt, auf der Ebene von Kategorien über Produktion als Totalität, die alle übrigen Verkehrsformen als ihre Momente enthält, dann gilt dies nur aus der Perspektive der kapitalistischen Gesellschaftsformation, wo Produktion zu dieser Totalität geworden sein soll. Und das gilt es gewissermaßen nachzuprüfen.

Wäre das nicht der Fall, so würde auf Marx zutreffen, was er einigen Kritiker der bürgerlichen Ökonomie vorwirft, die also auf der einen Seite der bürgerlichen Ökonomie vorwerfen, daß sie die Momente nicht in ihrer Einheit sehen, Marx sagt auf der einen Seite: Produktion ist die Totalität, gleichwohl sind es getrennte Momente und er sagt dann: als wenn dies Auseinanderreißen aus der Wirklichkeit in die Lehrbücher, sondern umgekehrt, aus den Lehrbüchern in die Wirklichkeit gedrungen sei und es sich hier um eine dialektische Ausgleichung von Begriffen handelt, und nicht Ausgleichung realer Verhältnisse. Wenn man nicht mit berücksichtigt, daß die Kategorien, die Marx hier erörtert, selbst Existenzbestimmungen, wie er später sagt, auch in dieser Einleitung, der entwickelten Gesellschaftsformationen, nämlich der bürgerlichen, geworden sind, dann würde Marx hier bloß eine begriffsscholasitische Erörterung, die uns gar nicht weiter zu bekümmern hatte, betreiben. Erst wenn diese Kategorien selbst eine praktische Realität sein sollten, und das geht aus diesem ersten Teil noch hervor, sehr viel deutlicher erst aus dem Abschnitt „Die Methode der politischen Ökonomie“, und da müssen wir uns fragen, ob das wirklich eine Begründung sein wird, dann hat diese vor gängige begriffskategoriale Argumentation, die er hier betreibt, ihren Sinn. Die Entscheidung, ob er hier eine Begründung liefert oder nicht, die werden wir vertagen. Erst auf diesem Hintergrund wird es sinnvoll, sonst sind es einfach Trivialitäten. Wenn da steht: ohne Produktion keine Konsumption, ohne Konsumption keine Produktion, da die Produktion sonst zwecklos wäre, na gut was soll’s, daß kann eine bloße Tautologie sein. Es ist ganz klar, wenn ich etwas esse, daß ich vorher ein Bedürfnis gehabt haben muß und umgekehrt. Das können inhaltsleere Tautologien sein. Sie sind es in dem Augenblick nicht, wo gewissermaßen dieser Totalitätsbegriff, den er hier entfaltet, die Realität eines selbst abstrakt verfaßten Produktionsprozesses darstellt. Das muß man zunächst einmal sehen.

Ich verstehe nicht, warum in der bürgerlichen Gesellschaft die Produktion zu einer Totalität geworden ist?

Ich glaube aus einem Grund. Das wollten wir gerade am Verhältnis von Produktion und Distribution erörtern. Wir werden das später noch erörtern. Deshalb, weil die

bürgerliche Gesellschaft, um es einmal simpel zu sagen, eine mehrwert-produzierende Gesellschaft ist. Anders gesagt, die bürgerliche Gesellschaft ist, Marx zufolge, die so beschaffen ist, daß die gesellschaftlichen Verkehrsverhältnisse, die Produktionsverhältnisse, fortwährend den unmittelbaren Produktionsprozeß, den Stoffwechsel zwischen den Menschen und der Natur revolutioniert; sie ist die einzige, die wirklich im Gegensatz zu traditionellen Gesellschaftsformen, die stagnierend sind, eine dynamische Gesellschaftsformation ist. Anders gesagt, erst in der bürgerlichen Gesellschaft, werden Produktivkräfte angewandt, die überhaupt erst gesellschaftlichen Verkehrsverhältnissen, aus der Beziehung von miteinander handelnden Menschen, hervorgegangen sind, wie Technik und Wissenschaft. Wie er es also gerade mit dem Begriff der realen Subsumption der Arbeit unter das Kapital begreifen will, das heißt, die bürgerliche Gesellschaft zum Beispiel die einzige, deren Produktionsverhältnisse und damit die gesamten übrigen auch außerökonomischen Verkehrsformen der Menschen so organisiert sind, daß sie fortwährend im Zuge des Akkumulations- und Profitzwanges, technische Innovationen zum Beispiel, also eine fortwährend auf den unmittelbaren Stoff-wechsel zwischen den Menschen und der Natur, selbst von seiner technologischen Struktur her, in der Konstitution neuer Techniken etwa revolutioniert.

Ich würde sagen, abstrakte Arbeit ist ja im Produktionsbegriff eine Totalität und selbst wiederum insofern gebunden an konkrete Arbeit, Arbeit und Verwertung(?). Aber was ich da eben meinte, was die Frage der Bedingung zum Beispiel der permanenten Revolutionierung des Stoffwechsels anbelangt, da sieht es anscheinend bei Marx etwas in der Dialektik von Arbeit und Verwertungsprozeß so aus: es gibt in der kapitalistischen Gesellschaftsformation einen von ihrem Anbeginn her angelegten Zwang zur permanenten Vergesellschaftung, zur Konzentration und Zentralisierung des Kapitals, und Konkurrenzverhältnisse zwingen dazu, die großen Kapitalien schlucken die kleinen. Gut. Diese Konzentration und Zentralisation des Kapitals, die jeweils neue Qualität der reellen Subsumption der Arbeit unter das Kapital darstellt, erfordert aber wiederum andere Produktionsmethoden und

Industrialisierungsprozesse, erfordert selbst wiederum andere technologische

Organisationsformen; eine Organisation von Trusts erfordert in der Tat auch andere

technologische Organisationsformen als einzelunternehmerische Kleinbetriebe, die

sich gewissermaßen technisch noch auf dem Stand der Dampfmaschine, wenn man so will, und nicht auf elektrischer Energie befinden. Marx nimmt an jedenfalls, eine Paralellität wenn man so will, von technischen Fortschritt und der Vergesellschaftungstendenz des Kapitals, damit von Arbeit und Verwertungsprozeß, ohne daß natürlich diese Vergesellschaftungstendenz selbst dann ein Fortschritt in der Beziehung der Individuen und der Menschen untereinander zu sein braucht, das ist eine andere Sache.

Die Produktion wird dadurch totalitärer, dadurch sich als Technik und Technologie weiterentwickelt wird.

Es ist vielleicht nicht ganz adäquat, am Beispiel der technischen Innovation darzustellen, daß durch die bürgerliche Produktionsweise permanente Revolutionierung stattfinden könnte. Wenn wir noch einmal zurückkommen auf den emphatischen Produktionsbegriff, den Marx auch in der „Deutschen Ideologie“ verwendet, daß der Mensch sich durch Produktion von den Tieren unterscheidet, so scheint in den beiden ersten Teilen dieser Einleitung der Produktionsbegriff bei ihm nicht mehr auf das Individuum bezogen, sondern es taucht nur auf in dem einen Satz, daß das Produkt nur Gegenstand für das tätige Individuum ist, und in dem anderen Satz (Zitat) „Das Individuum produziert einen Gegenstand und kehrt durch dessen Konsumtion wieder in sich zurück, aber als produktives Individuum und sich selbst produzierendes.“ Marx wendet hier den Begriff der Produktion für etwas an, was er an anderer Stelle unter dem Begriff des Arbeitsprozessen stellt. (Zitat) „Durch die Einverleibung der Arbeit unter das Kapital, wird das Kapital Produktionsprozeß, zunächst aber materieller Produktionsprozeß, Produktionsprozeß überhaupt, so daß der Produktionsprozeß des Kapitals nicht unterschieden ist von materiellen Produktionsprozessen überhaupt. Dadurch, daß das Kapital ausgetauscht hat einen Teil seines gegenständlichen Seins gegen Arbeit, ist sein gegenständliches Dasein selbst isoliert in sich als Gegenstand und Arbeit. Die Beziehung beider bestimmt den

Produktionsprozeß oder noch genauer den Arbeitsprozeß. Es erscheint hiermit der vor dem Wert als Ausgangspunkt gesetzte Arbeitsprozeß, der wegen seiner

Abstraktheit reiner Stofflichkeit allen Produktionsprozessen gleich ist, wieder

innerhalb des Kapitals als ein Prozeß, der innerhalb seines Stoffs vorgeht, seinen Inhalt bildet.“ Dieser vor dem Wert als Ausgangspunkt gesetzte Arbeitsprozeß erscheint mir doch das Thema wenigstens der ersten beiden Abschnitte in der Einleitung zu sein, und dann wäre die historische Form der Produktionsweisen nämlich die unter dem Aspekt des Kapitals, das wäre das, von dem Marx in den ersten beiden Kapiteln abstrahiert, die von der Produktionsweise in vorbürgerlichen Verhältnissen und durch die bürgerlichen Verhältnisse stattfinden würde, wäre das, daß das Individuum vorher Natur und Produktionsmitteln selber als unorganische Natur seine Subjektivität verstehen kann, so daß die Individuen in den vorbürger-lichen Gemeinwesen noch objektive Existenzweisen besitzen. Der Fortschritt oder die Entwicklung, die durch die bürgerliche Produktionsweise erst ermöglicht ist, das tatsächlich erst losgelöste Individuen entstehen, und daß es in dem Sinne auch ein Fortschritt ist, weil dadurch erst die Individuen ihre Fähigkeiten voll entfalten können. Der Unterschied wäre also der, daß vorher (Zitat: Alfred Schmidt) „In allen Formen, wo das Grundeigentum herrscht, ist die Naturbeziehung noch vorherrschend; in denen wo das Kapital herrscht, das gesellschaftlich historisch geschaffene Element. Vorbürgerlich fällt das Verhältnis von natürlichem und geschichtlichem in den großen Naturzusammenhang, bürgerlich fällt es, auch was die noch ungeeignete Natur angeht, selbst in die Geschichte.“ Das wäre also dieser Emanzipationsvorgang von der Natur, daß erst durch die bürgerliche Produktionsweise es möglich wird, auch die gesellschaftlichen Verkehrsformen als die von Menschen gesetzte zu begreifen. Und es schiene dann, diesen Fortschritt als technische Innovation oder Revolutionierung zu begrenzen.

Ich meine, die Frage der Totalität der Produktion löst sich doch meiner Meinung nach nur auf Grund des Verwertungsprozesses, das heißt, daß ein Mehrwert produziert wird und dieser Mehrwert dann auch in Form der Ware als Produkt des Kapitals realisiert werden muß und damit eben die Selbstreproduktion und dann auch die Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter, was Marx die Propaganda-

tendenz des Kapitals nennt, die über den Weltmarkt alle Produktionsweisen auf der Welt, der kapitalistischen eben tendentiell, daß eben über diesen Prozeß letztlich der Begriff der Totalität der Produktion zu verstehen ist.

Du hast mich da vielleicht mißverstanden, ich wollte da die Produktion als Totalität nicht auf technische Innovation reduzieren. Ich habe da nur einen Moment genannt, denn die Vergeschichtlichung der Geschichte, also Geschichte selbst als ein Produkt von Geschichte, wie es erst in der kapitalistischen Gesellschaftsformation eintritt, die sich sogleich permanent auf die Ebene einer zweiten Natur, also wenn man so will einer arte faktischen Vorgeschichte zurücknimmt, dies setzt dann doch zwei Momente voraus: 1. technisch; ohne Zweifel ein technisches, nämlich, daß die Produktionsmittel selbst wieder von den Menschen produziert sind, also Produktcharakter angenommen haben, und nicht wie etwa auf Grund eigentümlicher Organisationsformen vorgegeben wird und von den Menschen nicht gemachte Erde. Also dieses technische Moment der Produktion von Produktionsmitteln, darauf hat zum Beispiel die Sowjetunion der 30er Jahre den gesamten Fortschritt reduziert. Das 2. Moment ist dieses, daß die gesellschaftlichen Verkehrsverhältnisse als solche des sozialen Kontakts wirklich von den Menschen gemacht sind. In der feudalen Gesellschaft gibt es keinen gesellschaftlichen Verkehr, sondern nur den Verkehr innerhalb der Sprache.

Ja, Moment mal. Natürlich. Unter Gesellschaft, und das ist ja eben die Spezifizierung, die der Marx im Rohentwurf einführt, versteht Marx einen Zusam-menhang universalen Verkehrs. Den Verkehr innerhalb einzelner Lokalitäten, die selbst wiederum untereinander kaum in Kontakt stehen, und vielleicht mehr oder weniger autarke Produktionsgemeinschaften sind, versteht er nicht als Gesellschaft in diesem Sinn. Gesellschaft ist, wenn man so will, die Setzung universaler Verkehrsformen wie sie im Weltmarkt kulminieren in der bürgerlichen Gesellschaft. Und jetzt ist das, was das Moment der zweiten Natur ausmacht dieses, daß die mit Bewußtsein schon gesetzten Verkehrsformen, aber mit falschem Bewußtsein, gleichsam als eine praktisch daseiende Abstraktion, sich den konkreten Individuen gegenüber, zwischen denen doch nur ihre Beziehungen bestehen, verselbständigen zum Beispiel als Staat, als Recht usw., das heißt, die Gesellschaft existiert gleichsam als Abstraktion über und jenseits der Individuen, die diese Gesellschaft selbst gesetzt hat. Und nun ist das Prinzip so, in Hinblick auf den Totalitätsbegriff,

wie er es gesagt hat in der Deutschen Ideologie: Produktion ist Prinzip von Geschichte. Aber als ein solches Prinzip ist es am Anfang noch nicht entfaltet, vielmehr ist Produktion die Möglichkeit autonom gegenüber der Natur und deshalb auch eines autonomen Verhältnisses der Menschen untereinander (sich) verhalten zu können; vielmehr ist Produktion eingebettet in eine …Abhängigkeit noch von der Natur…(Nebensatz fehlt)

Produktion als Prinzip von Geschichte ist erst mit der bürgerlichen Gesellschaft auf Grund jener zwei Momente zur Entfaltung gekommen, nämlich an die Stelle der Erde, als das vorherrschende Produktionsmittel, treten die Menschen, als von den Menschen selbst gemachte Produktionsmittel, nicht mehr die von ihnen ungemachte Physis, sondern die von ihnen selbst gemachte Welt (?) herrscht vor. Und zweitens, wir haben gesellschaftliche Beziehungen hergestellt, einen universalen Zusammen-hang untereinander. Der sich allerdings Hegel gegenüber hier nun verselbständigt. Das heißt sowohl eine Technologisierung des Arbeitsprozesses, ein Stoffwechsel zwischen dem Menschen und der Natur tritt ein, wie eine Universalisierung der Arbeitsverhältnisse, als universale Form gesellschaftlichen Verkehrs, die sich ihnen gegenüber aber wiederum verselbständigen. Das heißt, ein zur Entfaltung gekommenes Prinzip bezeichnet Hegel als Totalität. Genau das meint Marx, wenn er von Produktion als Totalität spricht. Hier ist das Prinzip von Geschichte zur Entfaltung gekommen und deshalb auch Erkennbar geworden. Jetzt muß aber Marx nachweisen, auch auf dieser kategorialen Ebene, und das ist das Problem, das wirklich alle diese Momente in dem Begriff der Produktion einverleibbar sind. Und da hatte er ja am Anfang Zweifel angemeldet, etwa in Hinblick auf die Konsumption . Es wird noch sehr viel problematischer bei der Distribution, wo ja auch der Angelpunkt gewesen ist, wo der Habermas seine Marxkritik angesetzt hat. Aber bei der Produktion ist doch eines zunächst einmal plausibel, wenn Marx sagt, und das ist glaube ich ist auch noch gar nicht aus diesem, zwar auf der bestimmten bürgerlichen Gesellschaftsform herleitbar, meint aber gleichwohl Hegels gattungsgeschichtliches Prinzip der Produktion, durch das die Menschen sich von den Tieren unterscheiden. Marx sagt auf der einen Seite: Alle Produktion ist unmittelbar auch Konsumption, insofern einfach die subjektive Lebenstätigkeit des Menschen im Arbeitsprozeß, den können wir nehmen als ewige Naturnotwendigkeit, verzehrt wird; zweitens die Produktionsmittel verzehrt werden, die nutzen sich ab im Arbeitsprozeß; drittens der Rohstoff verzehrt wird, insofern er formiert wird. Also es handelt sich hier bei der Produktion um eine produktive Konsumption, produktiv verzehrt werden

gewissermaßen die subjektive Lebenstätigkeit der Menschennatur, wie die objektiv umgebene Natur, und dieser produktive Verzehr ist produktiv deshalb, weil er erst die Gegenstände zur unmittelbaren konsumptiven Bedürfnisbefriedignug herstellte. Jetzt also das zweite: warum ist die Konsumption jetzt produktiv? Und Marx kann von konsumptiver Produktion sprechen, er sagt ganz einfach deshalb, weil die Konsumption, also die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung, nehmen wir es von seiner elementaren Art her, nämlich Essen, Trinken und Kleidung, weil das die unmittelbare Reproduktion des menschlichen Lebens gebraucht. Das ist doch zunächst einmal plausibel. Das bedeutet, die Konsumption ist auch in einem gattungsgeschichtlichen Sinn, der aber überhaupt erst auf der Ebene der bürgerlichen Gesellschaft zur Entfaltung kommt, der Produktion deshalb unter-worfen, weil die Menschen, Marx zufolge, von ihrer subjektiven Natur her zu einem aktiven Verhältnis zur Natur gezwungen sind, das er Produktion nennt. Das heißt die Konsumption ist a priori diesem Umkreis von Produktion einbeschrieben. Von daher ist mir an sich die Frage der unmittelbaren Identität von Produktion und Konsumption, weil sie geradezu aus der Perspektive der bürgerlichen Gesellschaft eine negativ anthropologische auch enthält, nicht problematisch. Aber bei Dir doch offensichtlich an einem anderen Punkt.

Die Identität von Produktion und Konsumption, die Marx konstruiert löst er wieder auf, in dem er sagt (Zitat): „Das Wichtigste ist hier nur hervorgehoben, daß, betrachte man Produktion und Konsumption als Tätigkeiten eines Subjekts oder einzelner Individuen, sie jedenfalls als Momente eines Prozesses erscheinen, worin die Produktion der wirkliche Ausgangspunkt und darum auch das übergreifende Moment ist. Die Konsumption als Notdurft, als Bedürfnis ist selbst ein inneres Moment der produktiven Tätigkeit. Aber die letztere ist der Ausgangspunkt der Realisierung…“ Ich glaube, daß dies der eine Punkt der Begründung sein soll, weil sie der Ausgangspunkt in der Realisierung ist. Und das sagt er selbst (Zitat): „Und daher auch ihr übergreifendes Moment, der Akt, worin der ganze Prozeß sich wieder verläuft. Das Individuum produziert einen Gegenstand und kehrt durch dessen Konsumption wieder in sich zurück, aber als produktives Individuum, und sich selbst reproduzierendes. Die Konsumption erscheint so als Moment der Produktion.“

Was scheint Dir da so problematisch dran? Also mir erscheint das nämlich jetzt, in dem methodologischen Rahmen einer Methodenkritik an der bürgerlichen Ökonomie, eingefaßte Fortsetzung des Produktionsbegriffs aus der Deutschen Ideologie.

Aber dort setzt Marx doch zwei Mal an, wie sich der Mensch vom Tier unterscheidet, nämlich einmal durch das Bedürfnis und einmal durch die produktive Tätigkeit. Daß er das Bedürfnis der Produktion voraus stellt einmal und ein andermal die Produk-tion dem Bedürfnis voraus stellt. Mir scheint, daß man diese Begriffe hier austauschen könnte, daß man eben genau so gut sagen könnte: also letzteres ist der Ausgangspunkt der Realisierung, und da wäre letzteres eben Konsumption.

Wollen wir zu dem Satz, den Du gebraucht hast, einmal etwas interpretativ sagen:

Das Individuum produziert einen Gegenstand“. Weiter oben (Zitat): „Bei einem Individuum erscheinen Produktion und Konsumption als Momente eines Akts. Das Wichtigste ist hier nur hervorgehoben, daß, betrachte man Produktion und Konsumption als Tätigkeit eines Subjekts oder einzelner Individuen, sie jedenfalls als Momente eines Prozesses erscheinen, worin die Produktion der wirkliche Ausgangspunkt und darum auch das übergreifende Moment ist. Die Konsumption als, als Bedürfnis ist selbst ein inneres Moment der produktiven Tätigkeit. Aber die letzter ist Ausgangspunkt der Realisierung und daher auch ihr übergreifendes Moment, der Akt, worin der ganze Prozeß sich wieder verläuft.“ Du hast jetzt ganz richtig gesagt, Marx sagt das, weil hier Ausgangspunkt steht. Gut. Ich würde sagen, daß das hier noch Differenzierungen sind,….., aber aus der Perspektive der bürgerlichen Gesellschaft negativ antrhopologisch unterscheiden müssen. Anders gesagt, die Menschennatur ist Marx zufolge so verfaßt, wie es auch aus der Deutschen Ideologie hervorgeht, daß sie nur ihre Bedürfnisse produzierend befriedigen kann. Das meint er mit Ausgangspunkt. Das bedeutet, die Konsumption kann überhaupt nur stattfinden mittels Produktion, im Gegensatz etwa zur konsumierenden Tierwelt, also mittels eines aktivischen Verhältnisses zur Natur. Diese Aussage ist hier, meiner Meinung nach, eine gattungsgeschichtliche Allgemeinheit. Das zweite Moment, was man jetzt noch zusätzlich interpretieren müßte: „Das Individuum produziert einen Gegenstand und kehrt durch dessen Konsumption wieder in sich zurück, aber als produzierendes Individuum, und sich selbst reproduzierendes. Die Konsumption erscheint so als Moment der Produktion.“ Das heißt und zwar nicht nur im ökonomisch restringierten Sinne, die Konsumption hat einen Produktionssinn im Rahmen dieser Unterscheidung, das heißt sie hat den Sinn der Reproduktion der menschlichen Produktivkraft und zwar nicht nur jetzt der unmittelbaren ökonomischen Arbeitskraft, sondern der menschlichen Produktivkraft auch was alle seine intellektuellen Kapazitäten und Weiterentwicklungen über den Stand der physischen Selbsterhaltung hinaus anbelangt, daß also auf der einen Seite die Produktion wiederum durch die Art ihrer Produkte, die Art und Weise ihrer Organisation, selbst neue Bedürfnisse schafft und also Bedürfnisse verändert oder abschafft. Das heißt also Konsumption hat, wie man sie auch betrachtet, einen Index, der sie beherrscht, wird produktiv und reproduktiv, nämlich die Ausbildung und Weitertreibung der Menschen.

Marx schreibt an einer anderen Stelle, daß sich eben gerade in der Konsumption erst die Produktion vollendet.

Ja, nur die Konsumption, wie man sie auch gewissermaßen dreht in der Geschichte in der Gattung ist eine produktive, diese Konsumption bleibt nicht aktivisch auf einem vor- oder naturgeschichtlichen Stand stehen, sondern diese Konsumption ist die Folge von Bedürfnisbefriedigung, die neue Bedürfnisse weckt und damit auch produktiv ist.

Wenn man davon ausgeht, daß Produktion Aneignung der Natur ist, und daß durch die Aneignung der Natur die Natur verändert wird, aber jetzt gleichzeitig Produktion und Konsumption die Substanz, mit der angeeignet wird, ist, also auch Aneignung der eigenen Natur, dann bedeutet das auch Veränderung der eigenen Natur. Das ist jawohl auch der Sinn der Reproduktion, daß sie weiter produzieren kann, um die unmittelbare materielle Produktion transzendierende Bedürfnisse zu entwickeln. Daraus wird also deutlich, daß Produktion als Konsumption begriffen, nicht ein ewiges auf der Stelle treten ist.

Wahrscheinlich ist es doch gesellschaftstheoretisch wesentlicher, daß man sich dieses Verhältnis zur Distribution anschaut. Denn von der Distribution sagt der Marx ja, daß sie ja die allgemeinen gesellschaftlichen Gesetze regele, nach denen den Mitgliedern der Gesellschaft das Quantum am Gesamtprodukt, wenn man so will, zugeteilt wird. Die allgemeinen gesellschaftlichen Gesetze, der Austausch vermittelt erst die Produkte konkret den Individuen, der Austausch ist gewissermaßen die Exekutive dieser allgemeinen gesellschaftlichen Gesetze, und das ist doch wohl in der kapitalistischen Gesellschaft das Wertgesetz, dieser allgemeinen gesellschaft-lichen Gesetze, die dieses Zuteilungsquantum realisieren, und zwar gehen in den Austausch dann Zufälligkeiten ein, denn der Austausch ist gebunden an Individuen, die ihre Produkte als Waren auf den Markt tragen, wie Marx sagt. Das heißt in den Austausch gehen noch zusätzlich Zufälligkeiten ein, während aber Distribution, und Distribution heißt immer Eigentumsorganisation, während also Distribution die gesellschaftliche Struktur angibt, überhaupt der Grundbegriff, hier gesellschaftlicher Verkehrsform, ist. Und hier wäre jetzt zu fragen, wie kommt es, daß diese Distribution bei Marx dem Produktionsbegriff subsumiert wird. Welche Argumente führt er dazu an, es ist ja anscheinend zweierlei, und deshalb ist das auch so wesentlich für eine Theorie der Revolution, das hat auch der Habermas ganz richtig gesehen, es gibt hier an sich zweierlei zu unterscheidende Arten von Distribution, ich würde sie mal primäre und sekundäre Distribution nennen. Sekundäre Distribution bestimmt das Quantum, an denen die Individuen an den Produkten partizipieren, das sich im Austausch dann, mehr oder weniger zufällig, auf Grundlage dieser gesetzlichen Notwendigkeit, realisiert. Die primäre Distribution begründet aber überhaupt erst die sekundäre, denn sie bestimmt nach welchen Eigentumsverhältnissen die Produktionsmittel organisiert sind. Also dieser Prozeß der primären Distribution, wie er sich in der ursprünglichen Akkumulation vollzogen hat, durch die Enteignung der kleinen Landeigentümer, die Konstitution einer Kapitalistenklasse und die Konstitution einer Klasse besitzloser Lohnarbeiter, das ist ein gewaltsamer Vorgang der primären Distribution. Anders gesagt, diese Distribution beruht doch anscheinend nicht auf Produktion, sondern auf Klassenkämpfen, auf gewaltsamer Verteilung von Eigentumsverhältnissen. Wie unterwirft Marx, wenn man jetzt so will und welche Argumente führt er an, daß noch unter den Produktionsbegriff subsumiert wird. Anders gesagt, beruht die Verteilung des Eigentums auf Produktion und auf Revolution?

Wenn jetzt Distribution sowohl Voraussetzung wie auch Resultat der Produktion ist, wie kann man sie dann der Produktion noch unterordnen.

Marx sagt hier selbst an einer Stelle (Zitat): „Ganze Gesellschaften betrachtet, scheint die Distribution nach noch einer Seite hin der Produktion vorherzugehen und sie zu bestimmen. Gleichsam als anteökonomisches Fakt. Ein eroberndes Volk verteilt das Land unter die Eroberer und imponiert so eine bestimmte Verteilung des Grundeigentums: bestimmt daher die Produktion. Oder es macht die Eroberten zu Sklaven und macht so Sklavenarbeit zu Grundlage der Produktion. Oder ein Volk, durch Revolution, zerschlägt das große Grundeigentum in Parzellen; gibt also durch diese neue Distribution der Produktion einen neuen Charakter. Oder die Gesetzgebung verewigt das Grundeigentum in gewissen Familien, oder verteilt die Arbeit als erbliches Privileg und fixiert die so kastenmäßig.“ All das, was er hier beschreibt würde ich nicht als Produktion, sondern als Klassenkampf oder als Revolution bezeichnen. (Zitat): „In allen diesen Fällen, und sie sind alle historisch, scheint die Distribution nicht durch Produktion, sondern umgekehrt die Produktion durch die Distribution gegliedert und bestimmt.“ und (Zitat): „Welches Verhältnis diese die Produktion selbst bestimmende Distribution zu ihr einnimmt, ist offenbar eine Frage, die innerhalb der Produktion selbst fällt. Sollte gesagt werden, daß dann wenigsten, da die Produktion von einer gewissen Distribution der Produktions-instrumente ausgehen muß, die Distribution in dieser Bedeutung der Produktion hervorgeht, ihre Voraussetzung bildet, so ist darauf zu antworten, daß die Produktion in der Tat ihre Bedingungen und Voraussetzungen hat, die Momente derselben bilden.“ Und dann wäre das so wesentlich dieses Problem auf der kategorialen Ebene, weil darin, wie man sieht, wenn es eines der Ziele, revolutionär strategische Ziele, einer proletarischen Revolution ist, als erstes das sozialisierungsstrategische Ziel, der Umwälzung der Eigentumsverhältnisse, der Enteignung der Expropriateure, das bedeutet also, die Veränderung der primären Distributionsverhältnisse. Dann stellt sich hier in der Tat auf dieser kategorialen Ebene das Verhältnis von Produktion und Klassenkampf und Revolution. Und es wäre eines der entscheidendsten Punkte von dem aus die Vermittlung des historischen Materialismus als der Theorie der Klassenkämpfe zur Kritik der politischen Ökonomie, als der Theorie von Produktion, von Marx geleistet werden müßte. Und hier ist die Frage, ob er das gemacht hat. Ob es richtig ist, auch noch diese primäre Distribution, also die Eroberung von Eigentumsverhältnissen, der Produktion zu subsumieren, und zwar kategorial zu subsumieren. Vielleicht darf ich das einmal verdeutlichen, denn der Habermas hat sich an einer Stelle mit diesem Problem, und zwar er bezieht explizit auf diese Seiten, und zwar in einer etwas längeren Anmerkung, auseinandergesetzt. Er zitiert genau die Textstellen, die wir hier vorliegen haben, und versucht sie zu interpretieren. Ihr wißt ja, der Habermas wirft dem Marx vor, und an dieser Stelle sollte man es eventuell diskutieren, weil es hier verständlich wird, und meiner Meinung nach das plastischste Beispiel ist, er wirft dem Marx vor, daß er zwar auf einer seiner materiellen Ebene gesellschaftliche Praxis als Arbeit und Interaktion, also als Stoffwechsel zwischen den Menschen und der Natur, und als Verkehrsverhältnis der Menschen untereinander oder wie wir sagen würden, Arbeit und Arbeitsteilung faßt, daß er aber auf der Ebene seines Selbstverständnisses, wie er sich selbst begriffen hat, so wie er sich erkenntnistheoretisch selbst reflektiert hat, also auf kategorialer Ebene, wie Habermas sagt, den Produktionsprozeß und den Begriff der gesellschaftlichen Praxis allein auf Arbeit, die er als instrumentelles Handeln begreift, auflöst.

Dazu: ‘Erkenntnis und Interesse’ Theorie II, Suhrkamp, Seite 71 „Während das instrumentelle Handeln…..“, einschließlich der Anmerkung bis Seite 75 unten.

Und damit glaubt Habermas seine These hinreichend begründet zu haben, wenn die Distribution, an den Produktionsmitteln, der Produktionsmittel auf Gewaltver-hältnissen, auf Klassenkampf beruht, Marx eine Revolutionstheorie entwickelt in der Kritik der politischen Ökonomie, die eine Artikulation der Theorie des Klassen-kampfes sabotiert. Aus diesen Seiten trat das gewissermaßen heraus.

Krahl: Stimmt denn das? Das ist doch nicht wahr! Der Habermas kann doch nicht recht haben.

Ohne daß er das Problem vollständig löst, eines ist natürlich klar, eine Reduktion, die Habermas vornimmt, daß er den Begriff der Produktion reduziert auf den unmittelbaren, nach Maßgabe technischer Zweckmittel Rationalität, sich vollziehender Arbeitsprozesses, Produktion aber, wir nehmen ihn jetzt in seiner kapitalistischen Bedeutung, ist Arbeits- und Verwertungsprozeß oder, in seiner gattungsgeschichtlichen Bedeutung, Arbeit und Arbeitsteilung, denn der Wert ist ja das kapitalistische Arbeitsverhältnis, das heißt Habermas reduziert zunächst mal den Begriff von Produktion auf das instrumentelle Handeln zwischen den Menschen und der Natur auf den Arbeiter, das Arbeitsmittel und das Arbeitsmaterial ohne den Arbeiter in seinen, nun muß man ihm das hier selber gewissermaßen vorwerfen, in seinen organisatorischen Bestimmungen, seine Stellung in dem Arbeitsverhältnis, zu betrachten.

Und das zweite, was ich glaube, was entscheidend ist, Marx lehnt keinesfalls, an dieser Stelle kann Marx nämlich fassen, was das Verhältnis von Produktion und Distribution, und damit von Produktion als eines gewaltlosen Prinzips von Geschichte, und Distribution, als einer gewaltsamen, nämlich klassenkämpferischen Erscheinungsformen der Geschichte anbelangt, dann kann man Marx nicht fassen, denn wenn Marx hier sagt, die Produktion, abgesehen von dieser in ihr eingeschlossenen Distribution, betrachtet ist offenbar leere Abstraktion, während umgekehrt die Distribution der Produkte von selbst gegeben ist, mit dieser ursprünglich ein Moment der Produktion bildenden Distribution, wobei die Distribution an den Produktionsmitteln gemeint ist. Diese ursprüngliche Distribution, die in der Tat klassenkämpferische ist, die auf der gewaltsamen Umwälzung der Eigentumsverhältnisse beruht, ist Marx zufolge selber eine ökonomische Potenz.

Anders gesagt, am Modell der ursprünglichen Akkumulation des Übergangs von der feudalen in die kapitalistische Gesellschaftsformation, sagt Marx, und das bestimmt seine TheorieK , sagt Marx sehr deutlich, außerökonomische Zwangsgewalt, nämlich die Zwangsgewalt der Enteignung der kleinen Landeigentümer, die Zwangsgewalt des absoluten Staates, die die Menschen zur Arbeit trieb und die Bettler aufgehängt hat im England des 15. und 16. Jahrhunderts. Diese außerökonomische Zwangsgewalt wird selbst eine direkte ökonomische Produktionspotenz. Zweitens, diese außerökonomische Zwangsgewalt kann nur eine ökonomische Potenz sein, wenn auch historisch die Produktion prädominant vorausgegangen ist, denn ich kann nur Eigentum verteilen, wenn es auch Produziertes Eigentum gibt, oder wie er sagt, es ist eine hergebrachte Vorstellung, daß in gewissen Perioden nur vom Raub gelebt wird. Um aber rauben zu können, muß etwas zu rauben da sein, also Produktion, und die Art des Raubes ist selbst wieder durch die Art der Produktion bestimmt, eine stock-jobbing Nation zum Beispiel kann nicht beraubt werden wie eine Nation von Kuhhirten. Das zweite Argument, das Marx bringt, ist sehr deutlich dieses, eine bestimmte historische Produktionsweise treibt auch, und zwar nach Maßgabe des Verhältnisses von Arbeit und Arbeitsteilung, Produktivkräfte und Produktionsverhältnissen, treibt auch eine spezifische Form ihrer eignen Auflösung hervor, eine spezifische Form historisch gesehen von Klassenkämpfen. Die feudalen Produktionsweisen haben eine spezifische Form des Bürgerkrieges hervor getrieben, sowie die kapitalistische Produktionsweise, Marx zufolge, eine spezifische Form der proletarischen Revolution. Drittens, weil Habermas den Begriff der Produktion so interpretiert, als wäre Arbeitsteilung da ausgelassen und dies nur instrumentelles Handeln, kommt er unter anderem zu einem bürgerlichen Eigentumsbegriff, und Habermas ganze Theorie steht auf dem Standpunkt des bürgerlichen Rechts, er betreibt nämlich, wie er hier selber sagt, Eigentum als Rechtsverhältnis. Produktion ist aber Aneignung der Natur, Eigentum ist für Marx selbst wieder Produktionsprozeß und sein Resultat und die juristische Organisationsform von Eigentum ist die entfremdete und verdringlichte und herrschaftsgebundene Organisationsform von Eigentum. Anders gesagt, Eigentum gründet auf einem Moment von Produktion, auf Arbeitsteilung, und insofern ist der Klassenkampf, dort wo er eine neue Gesellschaftsformation begründet und Eigentumsverhältnisse umändert, der Klassenkampf ist dann selbst in der Revolution eine neue Form von Arbeitsteilung, die sich selbst erst strukturiert. Das heißt Klassenkampf und damit Distribution, das wäre meine These, sind deshalb als Produktionsmoment zu begreifen, weil sie einfach eine spezifische gewaltsame Erscheinungsform von Arbeitsteilung und Umwälzung von Arbeitsteilung sind.

Schulungsprotokoll vom 27.1.1970 (1. Fassung)

Gen.:

Wir müssen noch einmal vom letzten Mal, was am letzten Mal angefangen wurde zu diskutieren, was also das Verhältnis von Produktion und Distribution betrifft, da hatten wir so eine Stelle von Habermas, der sich also auf die Einleitung von den Grundrissen bezieht, und es wäre besonders interessant zu diskutieren im Hinblick auf die Argumentation wahrscheinlich, wo es sich da um einen gewaltsamen Enteignungsprozeß handelt, also einen Vorgang, der von den Distributions-verhältnissen darstellt und nicht unmittelbar eine Veränderung von Produktions-verhältnissen und wo Habermas da einsetzt und also daraus seine These auch ableitet, daß die Distributionsverhältnisse, also auch die konkrete Form der Klassenkämpfe oder was er da den institutionellen Rahmen nennt, daß das da also gleichberechtigt quasi steht neben dem, was er System der Arbeit nennt; und da hat Krahl am Schluß noch den Hinweis gegeben, daß bei Marx also diese außerökonomische Gewalt selber zur ökonomischen Potenz würde, also dieser Auflösungsprozeß vom Feudalismus zum Kapitalismus letzten Endes selber doch wieder durch Änderungen in der Produktionssphäre zu erfassen sei.

Krahl.:

Ja, ich meine, wir sollten da noch einmal ansetzen, wenn sich daraus bestimmte Probleme ergeben, die formuliert werden müßten, und dann übergehen zum Methodenkapitel. Es ist also eine Frage, von welcher Problemstellung wir ausgehen.

Gen.:

Man kann das vielleicht auch anders formulieren, indem man fragt, ob die Produktion soziale Voraussetzungen hat. (Krahl: nicht produktiver Art!)

Gen.:

Vielleicht kann man die Frage auch dahin aus stellen, daß ja auch in mehreren feudalen Gesellschaften außerhalb von Europa ja doch Vorformen von Austausch und Städteentwicklung gestanden haben, ohne daß dort sich dieser Prozeß der ursprünglichen Akkumulation, woher es zustande kommt, das heißt, man müßte dann genau fragen, wieso gerade in Europa das einsetzen konnte und ob wirklich die Produktion ausreicht praktisch als Determinante, um diesen Prozeß erklären zu können, und ob da nicht wirklich diese Klassenkampfverhältnisse oder das beschreibt Marx ja auch, daß in gewissen Gesellschaften von Raub gelebt wird, daß dazu auch ökonomische Voraussetzungen da sein müssen, und diese ökonomische Struktur des Feudalismus in Europa so unterschieden war von den anderen Ländern, daß sich zwangsläufig schon von dieser ökonomischen Bedingung hier dann der Kapitalismus entwickeln konnte, während es in anderen Gesellschaften nicht dazu kam; ob da nicht das Moment der Distribution als bestimmendes Moment letzten Endes sich durchgesetzt hat.

Krahl.

Der Habermas sagt ja, um das noch mal zu wiederholen zum Schluß, daß „die definitorischen Versuche, alle Momente der gesellschaftlichen Praxis unter den Begriff der Produktion zu bringen nicht verschleiern können, daß Marx mit sozialen Voraussetzungen der Produktion rechnen muß, die eben nicht wie Arbeitsmaterial, Arbeitsinstrument, Arbeitsenergie und Arbeitsorganisation unmittelbar zu den Elementen des Arbeitsbegriffs selber gehören. Marx will mit guten Gründen den kategorialen Rahmen so fassen, daß vorökonomische Tatsachen für den Mechanismus der gattungsgeschichtlichen Entwicklung nicht in Betracht kommen. Aber jene, in der Produktion eingeschlossene Distribution, das institutionalisierte Gewaltverhältnis also, das die Verteilung der Produktionsinstrumente festlegt, beruht auf einem Zusammenhang symbolisch vermittelter Interaktionen, der sich in Bestandteile der Produktion, in bedürfnisinstrumentales Handeln und unmittelbares Konsumieren allein allen definitorischen Gleichsetzungen zum Trotz nicht auflösen läßt“ (Habermas: Erkenntnis und Interesse, Seite 75). Und hier würde ich eben so sagen: die Distribution, die Habermas im Auge hat, und die Problemstellung ist ohne Zweifel eine richtige; er will die Vermittlung klarlegen zwischen Produktion und Klassenkampf, wobei er allerdings – das muß man vorweg sagen – den Klassenkampf idealisiert zur symbolisch vermittelten Interaktion, das heißt revolutionäre Umwälzungsprozesse werden auf symbolische Sprachhandlungen reduziert, so daß er konsequent dann auch revolutionäre Praxis mit Ideologienkritik und Reflexion letzten Endes gleichsetzt. Was ich meine, was vorliegt, ist dieses. Die primäre Distribution an den Produktionsmitteln ist immer Produkt des Klassenkampfes, also bislang gewaltsamer Aktionen gewesen. Modell und entscheidende geschichtliche Zäsur dafür ist bei Marx die ursprüngliche Akkumulation. Aber, erstens jetzt so: wenn es zum Beispiel außereuropäische feudale Länder gibt, die denselben Prozeß nicht mit durchmachen, so ist das ja selbst noch etwas, was konsequent aus der marxschen Theorie erklärbar ist, denn Marx sagt sehr deutlich – in dem Brief an Michailowsky (?)-, daß er keine universal-geschichtliche Philosophie liefern wollte; das bedeutet, die ursprüngliche Akkumulation ist kein universalgeschichtlicher Erklärungsvorgang, der gleichsam auf Prozesse der Industrialisierung in Vietnam und des Klassenkampfes in Vietnam oder im israelo-arabischen Konflikt sagen wir mal klären könnte. Das wäre damit nicht ausgesagt. Aber das zweite, was eben wesentlicher ist, ist die Frage: kann Marx auch noch unter dieser Perspektive, daß Distribution an den Produktionsmitteln den gewaltsamen Klassenkampf ausmacht und eine neue Produktionsweise hervorruft, eben die Distribution allgemein logisch dem Produktionsbegriff einverleiben?

Und da muß man zunächst einmal sagen, daß Marx hier von einem Produktionsbegriff ausgeht, wie er entfaltet ist in der bürgerlichen Ökonomie und wie er die Realität in der kapitalistischen Gesellschaftsformation ist. Das heißt auch hier schon, wo er eine allgemeine Erörterung – scheinbar unter Abstraktion von bestimmten geschichtlichen Bedingungen – vornimmt, bezieht er sich auf die spezifisch bürgerliche Produktionsweise. Und da ist wiederum meiner Aussicht nach jetzt dieses Entscheidende (und ich glaube, daß das auch entscheidend ist für einen Begriff gesellschaftlicher Praxis): Habermas wirft Marx vor, daß er auf kategorialer Ebene – durchaus nicht in seinen materialen Analysen – gesellschaftliche Praxis auf Arbeit reduziert; und Habermas setzt den marxschen Begriff von Produktion mit dem Begriff von Arbeit gleich; das heißt Habermas wirft Marx einen verengten Praxisbegriff vor, in den die Beziehungen der Menschen untereinander nicht eingehen – auf kategorialer Ebene -, sondern nur der Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also Arbeit, er wirft ihm einen verengten Praxisbegriff vor. Das kann Habermas nur um den Preis, daß er selbst einen verengten Produktionsbegriff hat. Denn Marx meint auf kategorialer wie auf materieller Ebene mit Produktion Arbeit und Arbeitsteilung, Arbeitsteilung ist aber ein Intersubjektivitätsverhältnis. Habermas meint mit Produktion immer nur Instrumentivitätsverhältnis. Habermas meint mit Produktion immer nur instrumentales Handeln zwischen den Menschen und der Natur,