Vorrede

Hermann Kocyba, Helmut Reinicke

Es gibt verstreute Manuskripte von Hans-Jürgen Krahl, keiner geht so recht daran, sie herauszugeben, – es ist ein Scandalon, dass diese überlieferten Fragmente noch als private Archivalien einsitzen. Die Neuauflage von „Konstitution und Klassenkampf“ wurde 2008 vom Verlag Neue Kritik eher lustlos in Angriff genommen. Es blieb letztlich bei einem Reprint der Erstausgabe von 1971. Es wurden weder neue Texte aufgenommen, noch wurden die editorichen Prinzipien der seinerzeitigen Edition erläutert. Wenn 1971 kurz nach Krahls Tod noch vielen Lesern Anlaß und Kontext seiner Interventionen klar sein mochten, so leistet ein bloßer Reprint unfreiwillig einer Musealisierung Vorschub.

Mitte der 90 Jahre hatten wir die Absicht gehabt, Krahl-Manuskripte, die wir beide in den Händen hielten, zu veröffentlichen. Dieses Unternehmen misslang aus dem ganz einfachen Grunde des Broterwerbs sowie der Missgunst, welche die zu dechiffrierende Handschrift bot. Das Projekt stieß zumal auf kein großes editorisches Echo und wir verloren die Lust.

Nachdem auch die Initiative von Norbert Saßmannshaus und des Hans-Jürgen Krahl-Archivs weder dazu führte, dass weitere Texte von Krahl publiziert, als Manuskripte zugänglich gemacht oder durch eine Art „Findebuch“ erfasst worden wären, schien es uns nicht länger sinnvoll, auf eine verlegerische Großtat zu warten.

Nun sind nahezu vierzig Jahre vergangen, dass diese handschriftlichen Materialien bei uns herumliegen und wir sehen nicht ein, dass man sie in Privateigentum belässt. Wir möchten diese Texte nun öffentlich machen und hoffen, dass jeder, der Interesse an ihnen hat, sich in die Sprache und Handschrift Krahls versetzen kann. Bei Lichte besehen ist es einfacher – dies als Hinweis an mögliche Transkriptionen – die gescannten Handschriften zu befragen, als die Fragmente selber.

Krahl konnte sich in Minuskülen exponieren, einer Art poetischer Akribie von Nebensächlichkeiten, – und dann wiederum: auf einem Rezeptzettel finden sich gloriose Einfälle der Ökonomiekritik. Vielleicht können diese handschriftlichen Aufzeichnungen der Entzifferung einer privaten wiewohl damals öffentlichen Geschichte dienen, die einer surrealen Phantasie bedurfte, um ihre hypertrophe Realität darzustellen und hierdurch zu kritisieren.

Für die nächste Ausgabe der Digger, in der wir weitere Materialien von Hans-Jürgen Krahl publizieren werden, laden wir alle „Inhaber“ entsprechender Materialien dazu ein, uns transkribierte Texte oder Manuskripte von Hans-Jürgen Krahl oder Hinweise auf solche Materialien für eine elektronische Veröffentlichung zur Verfügung zustellen. Wir wollen damit nicht die Frage eventueller Eigentumsansprüche präjudizieren, sondern dazu beitragen, einen politischen Aktions- und Diskurszusammenhang zu dokumentieren. Hierfür sind auch Materialien willkommen, aus denen der jeweilige politische Kontext der Krahlschen Texte und Redeentwürfe hervorgeht.